Hoffen auf neuen Anlauf

Internationale Kritik an Nein zu Hilfspaket.
Nach dem Scheitern des milliardenschweren Rettungspakts für den US-Finanzsektor haben europäische Politiker die USA zur Verantwortung gerufen. Der Sprecher von EU-Kommissionschef Jose Manuel Durao Barroso erinnerte an die "weltweite Verantwortung" der USA.

Die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) forderte am Dienstag, dass der US-Kongress den Bankenplan noch in dieser Woche verabschieden müsse.

Auch Großbritanniens Premierminister Gordon Brown befürchtet, dass das Scheitern der Rettungsaktion die Finanzmärkte seines Landes in weitere Turbulenzen stürzen könnte. "Die Abstimmung in Amerika ist sehr enttäuschend", sagte Brown.

EU-Kommission "enttäuscht"
Die EU-Kommission hatte das Scheitern des US-Rettungspakets für den Finanzsektor am Dienstag als "Enttäuschung" bezeichnet und mahnte eine schnelle Lösung an. Die aktuellen Turbulenzen stammten aus den USA und seien zum globalen Problem geworden, sagte ein Kommissionssprecher in Brüssel.

"Die USA haben deshalb eine besondere Verantwortung; und wir erwarten, dass das Rettungspaket bald verabschiedet wird."

Dagegen hätten die Verantwortlichen in der EU gehandelt. Als Beispiel nannte der Sprecher die vom amtierenden EU-Ratspräsidenten Nicolas Sarkozy vorgeschlagene internationale Konferenz zur Finanzkrise.

"Von allen guten Geistern verlassen"
EU-Handelskommissar Peter Mandelson verurteilte die Ablehnung der milliardenschweren Finanzhilfen im US-Kongress als verantwortungslos.

"Die Abgeordneten sind von allen guten Geistern verlassen, und ich hoffe, dass wir in Europa keine Politiker und Parlamentarier erleben, die eine solche Verantwortungslosigkeit an den Tag legen", sagte Mandelson am späten Montagabend in einem Interview des britischen Senders BBC.

Der EU-Kommissar forderte zugleich eine breitere internationale Reaktion auf die Finanzkrise. Die Kommission werde Vorschläge für eine bessere Zusammenarbeit zwischen Aufsichtsbehörden, Banken und Regierungen vorlegen.

Bush: "Schmerzhafte und dauerhafte" Schäden
US-Präsident George W. Bush warnte am Dienstag vor "schmerzhaften und dauerhaften" Schäden für die Wirtschaft, falls der von seiner Regierung vorgeschlagene Rettungsplan für die Finanzbranche nicht rasch vom Kongress verabschiedet wird.

Die Abgeordneten müssten unbedingt handeln, sagte Bush. Das Repräsentantenhaus hatte das 700-Milliarden-Dollar-Paket (489 Mrd. Euro) am Montagabend abgelehnt, wobei der größte Widerstand aus Bushs eigener Republikanischer Partei kam.

Neuer Anlauf?
Zuvor hatte die Regierung bereits einen weiteren Anlauf gestartet, um den Kongress zur Annahme ihres Plans zu bewegen. "Wir arbeiten daran, eine Strategie zu entwickeln", so Bush am Montag. Finanzminister Henry Paulson ergänzte: "Wir müssen etwas neu zusammenstellen, was funktioniert - so schnell wie möglich."

Ein Sprecher des Weißen Hauses sagte, Paulson und andere ranghohe Mitarbeiter der Regierung führten mit der Führung von Repräsentantenhaus und Senat Gespräche, wie der Rettungsplan doch noch durch den Kongress gebracht werden könne. Auch andere Optionen zur Stabilisierung der Finanzmärkte würden diskutiert.

Die Abgeordneten zogen sich am Dienstag für einen Feiertag zurück und wollten erst am Donnerstag wieder zu einer Sitzung zusammenkommen.

US-Börsen wieder fester
Die New Yorker Aktienbörse tendierte am Dienstag kurz nach Handelsbeginn nach dem erdrutschartigen Kurseinbruch zum Wochenstart mit festeren Kursen.

Händler zeigten sich leicht optimistisch. "Der erste Entwurf wurde zwar abgelehnt, aber es wird eine Neuauflage geben. Davon ist jeder überzeugt", hieß es etwa.

Auch ein Ökonom ist sicher, dass das Rettungspaket im Laufe der Woche aufgeschnürt und ergänzt wird. "Dann wird man sehen, welche Neuerungen hinzukommen und ob sich dann ein Kompromiss finden lässt."

Nowotny: "Wirtschaftlicher Wahnsinn"
Der Gouverneur der Oesterreichischen Nationalbank, Ewald Nowotny, sieht im Platzen des US-Rettungspakets "wirtschaftlichen Wahnsinn". Die Europäer sieht er aber nicht gefährdet - mehr dazu in oe1.ORF.at.

Kurse nach Abstimmung im freien Fall
Das Platzen des von Bush und Spitzenpolitikern beider Parteien ausgehandelten Rettungsplans hatte am Montagabend an der Wall Street ein Beben ausgelöst; der Dow-Jones-Index schloss mit dem Rekordverlust von 777,68 Punkten oder 6,98 Prozent.

Es war - gemessen in Punkten - der stärkste Einbruch in der Geschichte der New Yorker Börse, der sogar noch den Rückgang nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 übertraf.

TV-Hinweis
Die Finanz- und Bankenkrise ist auch am Mittwoch im "Club 2" um 23.00 Uhr in ORF2 Thema. Wer kann die Finanzmärkte zivilisieren? Darüber diskutieren bei Corinna Milborn unter anderen der Nobelpreisträger Joseph Stiglitz und Ex-Finanzminister Ferdinand Lacina - mehr dazu in tv.ORF.at.

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