Beinahe alle Kommentatoren sehen ÖVP und SPÖ als Wahlverlierer - mit Ausnahme von "Österreich"-Herausgeber Wolfgang Fellner, laut dem die "SPÖ in jeder Hinsicht Sieger dieser Wahl" sei. Auch Hans Dichand alias "Cato" jubelt in der "Kronen Zeitung" über den "Erfolg" für SPÖ-Chef Werner Faymann, der "Österreich auf einen guten und erfolgreichen Weg" bringen werde.
"Krone" erwartet wieder Rot-Schwarz
"Erfolg!", titelt "Cato". "Die gestrige Nationalratswahl hat also Ergebnisse gebracht, wie sie von der 'Kronen Zeitung' erwartet worden sind. SPÖ und ÖVP haben schwere Verluste einstecken müssen, dennoch muss man vor allem eines sagen: Werner Faymann hat es als SPÖ-Parteiobmann gewagt, die Sozialdemokraten zu einer Änderung ihrer Haltung zu veranlassen", so Dichand mit Blick auf Faymanns Schwenk in Sachen EU-Politik.
Bei der Regierungsbildung gibt "Cato" gleich die Marschrichtung vor und erwartet eine Neuauflage von Rot-Schwarz.
"Kurier": "Selbst verschuldet"
Der Chefredakteur des "Kurier", Christoph Kotanko, ortet das "Ende zweier Volksparteien" und wertet den historischen Tiefstand der Großparteien als "selbst verschuldet": "Man kann von einer Selbstentmachtung der bisherigen Großparteien sprechen. Ihre Fehler waren das Fremdkapital, das Strache & Haider zugutekam."
"Die einstigen Großparteien haben ein Desaster ungeheuren Ausmaßes erlitten. Das rot-schwarze System, das die Republik über Jahrzehnte prägte, ist zu Ende. Oberflächlich hat das mit taktischen Fehlern, matten Spitzenkandidaten und programmatischen Schwächen zu tun. Der tiefere Grund ist, dass SPÖ und ÖVP seit längerem keine echten Volksparteien mehr sind, sondern nur mehr der gemeinsame Nenner ihrer Interessenvertretungen, die Summe ihrer Lobbys."
"Österreich": SPÖ hat alle Trümpfe
"Österreich"-Herausgeber Fellner schreibt von einem "Super-GAU" für die ÖVP, während Faymann "die Wahl für die SPÖ kraft seiner Persönlichkeit gewonnen" hat - "er hat einen Vertrauensvorschuss für eine Regierung neuen Stils erhalten. Und er hat jetzt bei der Regierungsbildung alle Trümpfe in der Hand."
Die ÖVP müsse mit einer "Erneuerung" auf die Wahl reagieren, "und diese Erneuerung kann nur Josef Pröll heißen". "Die ÖVP wäre gut beraten, sehr rasch auf eine Große Koalition neuen Stils unter dem Duo Faymann-Pröll zu setzen."
"Presse": "Berechtigter Zorn"
"Presse"-Chefredakteur Michael Fleischhacker rechnet mit einer Neuauflage der rot-schwarzen Koalition. FPÖ und BZÖ könne nichts Besseres passieren: "Schon allein der berechtigte Zorn darüber, dass das politische Establishment des Landes, vom Bundespräsidenten abwärts, den Bürgern weismachen will, dass genau das, was sie dezidiert nicht mehr wollten, das Beste für das Land wäre, wird ihnen weitere Anhänger zutreiben."
"Standard": Proteststimmen gesammelt
Die Chefredakteurin des "Standard", Alexandra Föderl-Schmid, widmet ihren Kommentar dem Rechtsruck. "FPÖ und BZÖ haben vom Dauerstreit in der Großen Koalition profitiert. Sie brauchten nichts weiter zu tun, als Proteststimmen zu sammeln."
"Kleine Zeitung": "Wutausbruch"
Hubert Patterer von der "Kleinen Zeitung" ortet einen "Wutausbruch der Bürger gegen die politische Klasse" und beschreibt die "Wähler als strafende Instanz", die nicht mehr alles hinnehme. Das Wahlergebnis "markiert eine Zäsur in der Geschichte der Zweiten Republik".
"SN": Parteienstaat in der Krise
Andreas Koller, stellvertretender Chefredakteur der "Salzburger Nachrichten" ("SN"), attestiert die "Krise des Parteienstaates". "Die Wähler haben am Sonntag nicht bloß gesprochen, sie haben gehandelt. Sie haben die einstigen Großparteien auf Mittelparteien zusammengestutzt, sie haben die beiden Rechtspopulisten ins Zentrum der politischen Arena geführt, und sie haben die Grünen in die Bedeutungslosigkeit geschickt."
"Wenn der Parteienstaat in der Krise ist, ist es zur Krise der Demokratie nicht weit. Einer solchen geht Österreich entgegen, wenn der gestrige Wahltag folgenlos bleibt."
"OÖN": Faymanns zweites Wahlziel
Für Gerald Mandlbauer von den "Oberösterreichischen Nachrichten" ("OÖN") hat Faymann ein zweites Wahlziel erreicht. "Der ihm verhasste Kreis um Wolfgang Schüssel wird vom Absturz der Volkspartei mitgerissen. Verdientermaßen."
"TT": "Watschentanz"
Der Chefredakteur der "Tiroler Tageszeitung" ("TT"), Frank Staud, schreibt von einem "Watschentanz für SPÖ und ÖVP". "Wenn Rot und Schwarz weiterregieren wie bisher, hat HC Strache alle Chancen, 2013 Kanzler zu werden", glaubt Staud.
"Der schwarze Wahlkampf war eine Katastrophe. Dazu kam, dass Molterer nie glaubhaft vermitteln konnte, aus dem Schatten von Schüssel getreten zu sein. Beide können ihrer Partei nur noch einen letzten Dienst erweisen, nämlich jenen des Rücktrittes."
"VN": "Überfällige Erneuerung"
Laut Kurt Horwitz von den "Vorarlberger Nachrichten" ("VN") steht die "überfällige Erneuerung" bevor.
"Die SPÖ hat bereits einen neuen Obmann, ÖVP und Grüne werden bald neue Obleute bekommen. Zu hoffen ist, dass es nicht bei der personellen Erneuerung bleiben wird. Notwendig ist eine neue Politik, deren Vertreter nicht nur auf den nächsten Wahltermin schielen."
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