Nervosität spürbar

"Sie sagen das immer mit dem Trauma." "Sie leben es richtig, Sie hängen es heraus."
Die zehnte und letzte TV-Zweierkonfrontation am Dienstag war traditionsgemäß den Kandidaten für das Kanzleramt vorbehalten. Dass mit SPÖ-Vorsitzendem Werner Faymann und ÖVP-Chef Wilhelm Molterer zwei Minister der jetzigen Regierung aufeinandertrafen, war dabei nicht zu merken.

Vor allem Faymann bemühte sich um Distanz zur bisherigen Regierung, die vom "Bremsen" der ÖVP gekennzeichnet gewesen sei. Molterer konterte, Faymann knüpfe im Hinblick auf unhaltbare Wahlversprechen genau dort an, wo Kanzler Alfred Gusenbauer (SPÖ) aufgehört habe.

Nervosität merkbar
Die Rollen beim Kanzlerduell waren darüber hinaus klar verteilt. Molterer erklärte, er wolle den TV-Zuschauern "glaubwürdig, verlässlich, stabil" erscheinen. Faymann wiederum meinte, auch als Politiker solle man "sein, wie man ist".

Die Nervosität war auf beiden Seiten bemerkenswert spürbar. Beide Kandidaten fielen einander über weite Strecken ins Wort und bezichtigten das Gegenüber eines "schlechten Stils" in der Diskussion - vor allem beim ersten Thema, den rot-blauen Steuerplänen.

Einstieg mit Steuerplänen
Molterer stieg thematisch auf die Steuerpläne ein und appellierte an Faymann, aus Rücksicht auf damit verbundene Belastungen davon Abstand zu nehmen. Faymann konterte, indem er Molterer wegen des Neuwahlbeschlusses als instabilen Teil der Regierung darstellte.

Faymann verteidigte zudem seine Steuerpläne als dringend erforderliche Steigerung der Kaufkraft angesichts unerfreulicher Wirtschaftsprognosen. Aus demselben Grund lehnte Molterer die Pläne jedoch ab: "Wie wollen Sie den Jungen in die Augen schauen können, wenn Sie schon wieder neue Schulden planen?"

"Fast alles tun" für einen Wahlerfolg
"Damit man einen Wahlerfolg hat, tut man fast alles. Ich nicht", unterstrich Molterer einmal mehr den Anspruch auf Seriosität. "Ich nicht", setzte auch Faymann nach. "Warten wir nicht und verhindern wir menschliches Leid", warb er weiter für sein Fünfpunkteprogramm.

Beim Thema Pensionen bezog Faymann einmal mehr Position für den Staat als Garant eines gesicherten Lebensabends. Die Pensionen seien gesichert, wenn "wir genügend Arbeitsplätze haben". Molterer dankte "für das Kompliment", da die Sicherheit der Pensionen der Pensionsreform der letzten ÖVP-geführten Regierung zu verdanken sei.

Molterers "unangenehme Wahrheiten"
In der Sache betonte Molterer, die Pensionen müssten ständig neu gesichert werden. Auch der privaten Pensionssicherung werde dabei eine entscheidende Rolle zukommen. Dazu stehe er, weil "auch in Wahlkampfzeiten unangenehme Wahrheiten ausgesprochen werden" müssten.

Die Erhöhung der jetzigen Pensionen wertete Faymann als Beweis, dass er den "Pensionisten vor der Wahl in die Augen schauen" könne. Molterer betonte seinerseits, die Zusicherung einer fixen Einmalzahlung für Pensionisten sei zum jetzigen Zeitpunkt noch unseriös.

Zweierlei Verständnis von Frauenpolitik
"Die entscheidende Frage in der Frauenpolitik heißt für mich Wahlfreiheit", eröffnete Molterer die Runde zum nächsten Thema. Dabei verwies er auf die bisherigen Positionen seiner Partei im Wahlkampf im Hinblick auf die Vereinbarkeit von Familie und Beruf.

Faymann will "die Ursache beseitigen, warum Frauen und Männer unterschiedlich viel verdienen", und unterstellte der ÖVP, dafür mitverantwortlich zu sein, indem die Volkspartei nichts mache, um Müttern den Wiedereinstieg in den Job zu erleichtern.

"Gemeinsames für die nächste Regierung"
"Gemeinsames für die nächste Regierung" entdeckte Faymann jedoch bei der Idee, Staatsbetriebe bewusst mit mehr Frauen in der Chefetage zu bestücken. Während er einer Quotenregelung etwas abgewinnen kann, wollte Molterer flexiblere Regelungen.

Mehr Einigkeit als bei anderen Themen schien es auch beim Thema ökologisch nachhaltigen Wirtschaftens zu geben. Abgesehen von dem "Bekenntnis" beider Kandidaten, dass sie leidenschaftliche Benutzer öffentlicher Verkehrsmittel seien, blieben die Ansagen bei diesem Thema jedoch wenig konkret.

Koalitionsbedingungen
Eine Koalition mit der SPÖ kann sich Molterer vorstellen. Eine zentrale Voraussetzung dafür sei, dass die SPÖ "in Europafragen aus dem Schatten der FPÖ" trete. Auch Faymann kann sich eine Neuauflage von Rot-Schwarz vorstellen, jedoch ohne Molterer.

Untergriffige Attacken
Molterer steht aus Faymanns Sicht für den Kurs von Ex-Kanzler Wolfgang Schüssel, der für das Arbeiten der letzten 18 Monate verantwortlich sei. In der Koalition sei vor allem deswegen gestritten worden, weil Schüssel das Verlieren der letzten Wahl nicht verkraftet habe.

Molterer erwiderte: "Sie haben offensichtlich wirklich ein Trauma." Faymann konterte wiederum: "Sie sagen das immer mit dem Trauma." Molterer insistierte: "Sie leben es richtig, Sie hängen es heraus."

Kanzler "von Dichands Gnaden"?
Molterer revanchierte sich außerdem mit Verweis auf Faymanns Naheverhältnis zu "Kronen Zeitung"-Herausgeber Hans Dichand und meinte, er wolle keinen Kanzler, "der ausschließlich von Dichands Gnaden regiert. Ich möchte nicht, dass es einen Bundeskanzler gibt, der auf Zuruf reagiert."

Zuseherrekord bei TV-Duellen
Mit durchschnittlich 1.094.000 Zuschauern sorgte das TV-Duell zwischen Faymann und Molterer für einen Quotenrekord. Der Spitzenwert lag am Dienstagabend bei 1.180.000 Zusehern. Der Marktanteil in Kabel- und Satellitenhaushalten betrug 38 Prozent, bezogen auf alle Fernsehhaushalte 40 Prozent.

TV-Hinweis
Am Donnerstag (20.15 Uhr, ORF2) treffen alle Spitzenkandidaten der im Parlament vertretenen Parteien in der "Elefantenrunde" aufeinander; neben Faymann und Molterer auch Alexander Van der Bellen (Grüne), Heinz-Christian Strache (FPÖ) und Jörg Haider (BZÖ) - mehr dazu in tv.ORF.at.

Links: