Skeptisch zeigt sich etwa der Politologe Peter Filzmaier. Da bereits von Gusenbauers Sturz die Rede war, habe dieser mehr durchgebracht, als erwartet wurde, so Filzmaier am Dienstag im Ö1-Morgenjournal.
"Typischer Kompromiss"
Die "sehr wenig freundlichen Wortmeldungen" vor und die "halbherzige Zustimmung" nach dem SPÖ-Präsidium würden allerdings eine klare Sprache sprechen, so Filzmaier.
Laut Filzmaier handelt es sich um einen "typischen Kompromiss mit dem Versuch, es allen recht zu machen". Das könne auch der "kleinste gemeinsame Nenner sein".
"Wer ist der Chef?"
Die "kaum zu beantwortende" Schlüsselfrage laute jedenfalls, wer nun der Chef ist. Innerhalb der Partei sei das zwar von der Wortwahl her klar, da Faymann Gusenbauer als Parteichef ablöst.
Programmierte Konflikte ortet Filzmaier aber vor allem auf Regierungsebene, da vom Kanzler, der zwar keine Weisungskompetenzen gegenüber den Ministern hat, realpolitisch sehr wohl die Führungsrolle verlangt werde.
Das sei auch der Hauptgrund, warum das Modell der Ämtertrennung in der Theorie zwar gut sei, in der Praxis bisher aber meistens zum Scheitern verurteilt war, so Filzmaier - mehr dazu in oe1.ORF.at.
"Schleichender Autoritätsverlust"
"Eindeutig eine Niederlage Gusenbauers" und der Beginn eines Prozesses mit einem "schleichenden Autoritätsverlust": So kommentierte der Politologe Anton Pelinka in der ZIB2 die SPÖ-Personaländerungen.
So wie Filzmaier zeigt sich auch Pelinka überzeugt, dass es bisher weder in der SPÖ noch in der ÖVP geglückt sei, die Spitzenämter getrennt zu halten.
Klar sei zwar, dass Gusenbauer einstweilen Kanzler bleiben werde, so Pelinka, der zumindest bis zum Sommer keinen Wechsel im Bundeskanzleramt erwartet. Bis zur nächsten Nationalratswahl in rund zwei Jahren könne sich aber "noch viel tun". Wenn der Abwärtstrend der SPÖ - etwa in den anstehenden Landtagswahlen - weitergehe, werde es jedenfalls auch für einen Kanzlerkandidaten Gusenbauer "sehr schlecht aussehen".
"Nur Zwischenschritt"
Einig sind sich unterdessen die Politologen Emmerich Talos und Hubert Sickinger laut der Internet-Ausgabe des "Standard", dass die im SPÖ-Präsidium getroffene Entscheidung nur ein Zwischenschritt in Richtung einer "weitreichenderen Lösung" war.
Laut Sickinger bleibt das Problem der Partei Gusenbauer. Eine Ablöse Gusenbauers als Kanzler am Parteitag sei möglich. Kalina, der von Frauenministerin Doris Bures als SPÖ-Geschäftsführer abgelöst wird, ist laut Talos jedenfalls nur ein "Bauernopfer".
Doch längerfristige Ämtertrennung?
Welches Ziel die SPÖ mit ihrer Entscheidung verfolgt, ist für Filzmaier zum derzeitigen Zeitpunkt noch unklar. Dass damit auch Gusenbauers Abgang als Kanzler vorbereitet werde, stehe jedenfalls nicht fest. Es könnte sich um eine solche Übergangslösung handeln.
Es sei aber auch nicht ausgeschlossen, dass die SPÖ ernsthaft versuche, das Modell der Ämtertrennung längerfristig anzuwenden, so der Experte. Schließlich könne der geschäftsführende Parteichef Faymann bei Themen wie der Teuerungsrate schärfer auftreten als der Kanzler, der seine Ankündigungen auch umsetzen müsse.
Das habe einerseits den Vorteil, dass man die eigenen Reihen leichter schließen könne, andererseits berge es aber auch die Gefahr, dass man mit zu vielen unterschiedlichen Stimmen nach außen trete, so Filzmaier.
Neuwahlszenario verhindert
Mit dem Ergebnis des SPÖ-Präsidiums habe man jedenfalls ein Neuwahlszenario verhindert, so Filzmaier. Begründung: Mit Ausnahme des Frauenministeriums gebe es keine Personalrochaden in der Regierung.
Es handle sich primär um parteiinterne Personalentscheidungen, die ÖVP habe damit keinen Anlass, Neuwahlen vom Zaun zu brechen. Ihre Reaktion werde sich daher wohl auf Kommentare beschränken.
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