ORF.at: Herr Schalko, Sie haben Österreich einmal als Jammer-Republik bezeichnet ...
David Schalko: Ist ja auch wahr! Dieser österreichische Minderwertigkeitskomplex, wo in erster Linie alles schlecht ist. Das merkt man auch bei der EM im Vorfeld. Das war in Deutschland auch nicht anders vor zwei Jahren, wo alle gejammert haben bis zum ersten Spiel. Wenn das dann gut läuft, bricht plötzlich Euphorie aus, wenn es schlecht läuft, fühlen sich alle bestätigt und sagen: Wir haben's eh gewusst.
ORF.at: Bei aller spielerischen Leistung. Spielt nicht auch der Zufall eine große Rolle dabei, wer die Euro gewinnt?
Schalko: Sagen wir so: Psychologie spielt eine Mörder-Rolle. Wenn Du das erste Spiel gewinnst, dann ist immer alles drinnen. Bei der WM gewinnt ja selten ein Außenseiter, da hat das letzte Mal ein Außenseiter gewonnen, da war ich noch gar nicht auf der Welt. Bei der EM ist es hingegen so, dass sehr oft Außenseiter gewinnen. Das oft zitierte Beispiel Griechenland, Dänemark etc. Je weniger Zeit der Zufall hat bis zum Finale, desto größer ist die Chance, dass der Zufall passiert.
ORF.at: Auf YouTube sind mehrere Folgen Ihrer Serie "Sendung ohne Namen" zu sehen. Eine davon befasst sich mit den Deutschen, die Sie durch den Kakao ziehen. Nach Ihrer Erfahrung: Finden die das lustig?
Schalko: Ich habe an den Postings gemerkt, dass die Deutschen wenig Verständnis dafür haben, dass die Österreicher sich über ihren eigenen Minderwertigkeitskomplex lustig machen. Das wäre für einen Deutschen - habe ich das Gefühl - gar nicht machbar. Die Deutschen machen sich eher über ihren Größenwahn lustig. Ich glaube, dass der österreichische Humor schon ein sehr brachialer ist, teilweise. Andererseits haben die Österreicher schon ein bisschen das Talent, sich über sich selber lustig zu machen. Wahrscheinlich, weil sie's müssen. Einmal ein großes Land gewesen, jetzt ganz winzig und doch noch immer so tuend, als wäre man ein monarchisches Imperium, das zwingt einen dazu, sich mit Augenzwinkern zu betrachten. Sonst verzweifelt man wahrscheinlich.
ORF.at: Sie haben gesagt, die Fernsehkultur beim ORF habe sich in den letzten fünf Jahren gebessert.
Schalko: Natürlich gibt's immer Grenzen. Das ist nun einmal ein öffentlich-rechtlicher Sender, und wenn Systeme so aufgeblasen sind wie der ORF oder ähnliche - das gibt's ja überall -, dann spielt Angst eine wahnsinnige Rolle. Wie in jedem bürokratischen System: dass man jetzt ja alles richtig macht, ja nicht auffallen. Das ist natürlich immer noch der Fall. Das ist ein Zeitphänomen. Die Auflehnung ist nicht besonders modern in den letzten 20 Jahren und wird sie wahrscheinlich in den nächsten zehn auch nicht sein.
Links:
- David Schalko (Wikipedia)
- Sendung ohne Namen (YouTube)