Zahlreiche Tote in Bandenkriegen

In Chicago begleiten Eltern ihre halbwüchsigen Kinder zur Schule.
Wenn an der Crane High School in Chicago der Unterricht nachmittags zu Ende ist, sieht es vor der Oberschule aus wie in einer Hochsicherheitszone. Eine Autoblockade riegelt die Straße ab, Polizisten laufen Patrouille, an Straßenlaternen befestigte Kameras zeichnen jede Bewegung in der Umgebung auf.

"Elternpatrouille" und Eskorte
Unruhig sucht Matthew Smith die Schar der Schüler ab, die jetzt aus dem Gebäude strömen. "Wo sind meine Kinder?", murmelt der 52-Jährige, der Blick wandert unruhig umher. Etwa 15 Jugendliche versammeln sich um den Mann mit der gelben Leuchtweste.

"Elternpatrouille" steht dort auf dem Rücken. Eilig bugsiert Smith die Teenager in den ersten Bus. In einer Mini-Kolonne legt der Fahrer zügig hinter einem zweiten Bus und vor einer Polizeieskorte die Strecke ins drei Kilometer entfernte Wohnviertel der Kinder zurück. Bis die Schüler aus dem Bus steigen, lässt Smith sie nicht aus den Augen.

Mitten in der Kampfzone
Die Eltern der Crane High School haben aufgerüstet. Die Schule liegt in einem sozial schwachen Viertel, in dem ein blutiger Bandenkrieg tobt. Und die Schüler sind mittendrin: Einmal werden sie in Schlägereien verwickelt, das andere Mal fallen sie einem Angriff von einer anderen Schule zum Opfer.

Seit Beginn des Schuljahres im September wurden bereits 24 Schüler ermordet, 21 von ihnen wurden erschossen. Erst Ende April starb ein Schüler auf einem Parkplatz in unmittelbarer Nähe der Schule.

"Habe oft Todesangst"
Kinder und Eltern leben in Angst. Die 16-jährige Evelyn Riley trat irgendwann in Schulstreik. Nachdem Mitte März ein 18 Jahre alter Mitschüler in der Nähe der Crane High School getötet worden war, traute sie sich einfach nicht mehr auf die Straße.

"Seit das passiert ist, wache ich oft auf und habe Todesangst", sagt sie. Zwei Wochen ging Evelyn nicht mehr in den Unterricht. Sie war nicht die Einzige, die sich den gefährlichen Schulweg lieber sparte: Etwa hundert Schüler blieben zu Hause.

Eltern wurden selbst aktiv
Die Behörden versichern zwar, die Schulen seien viel sicherer als noch vor wenigen Jahren, schließlich sei ja auch die Kriminalitätsrate gesunken. Doch der Krieg der Banden in Chicago hat in der Öffentlichkeit inzwischen eine heftige Diskussion entfacht.

Die Eltern nahmen das Heft schließlich selbst in die Hand. In ihrer "Operation Sicherer Schulweg" wachen sie nun abwechselnd über das Leben ihrer Kinder.

"Haus für Haus zurückerobern"
"Wir müssen unsere Gemeinden Haus für Haus, Kilometer für Kilometer, Viertel für Viertel zurückerobern", sagt Alderman Bob Fioretti, der zu den Gründern der Initiative gehört.

Beispiel macht Schule
Seit die "Operation Sicherer Schulweg" läuft, geht nicht nur Evelyn wieder zur Schule. Das Leben ist zurückgekehrt ins Viertel Abla. Vier andere Problemschulen haben die Idee bereits aufgegriffen und eigene Schülereskorten aufgestellt.

Wie lange die Initiativen durchhalten, ist jedoch ungewiss. Schutzengel Smith jedenfalls will weitermachen. "Ich lasse es nicht zu, dass diesen Kindern etwas zustößt", sagt er. "Diese Kinder wollen lernen, und selbst wenn wir nicht ihre Eltern sind, sind sie doch unsere Kinder."

Mira Oberman, AFP

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