Posen auf der Tribüne

Bilder im Juni in Wien zu sehen.
"Stay very still, don't move!": Die Aufforderung zum Stillhalten ist am Sonntag wohl zum ersten Mal von einem Platzsprecher in einem Fußballstadion geäußert worden. Und sie zeitigte sogar das gewünschte Ergebnis.

Die Teilnehmer an der Nacktinstallation im Happel-Stadion folgten Spencer Tunick aufs Wort. Insgesamt waren laut den Veranstaltern 1.840 Personen in die EM-Finalarena gekommen, um an der Aktion teilzunehmen.

Lachen verboten
Sie wurden mittels Mikrofon und Stadionlautsprecher von Tunick dirigiert. Die wichtigsten Regeln gab es gleich zu Beginn: Zwei Sitzplätze müssen stets freibleiben, nebeneinander zu sitzen war nicht erlaubt, genauso wenig wie Sonnenbrillen, Hüte und natürlich Unterwäsche.

Auch Lächeln war nicht erwünscht, die Teilnehmer sollten ernst blicken. Dann kam die wichtigste Anweisung: ausziehen.

Kurze Verzögerungen
Nach kurzen Verzögerungen - einige wenige wollten das Stadion dann doch relativ rasch wieder verlassen, ein Teilnehmer zog auch mitten in der Installation seine Kleidung wieder an und ging - folgten die ersten Settings.

"Hände an den Körper", "nicht lachen" und "Arme wie ein Flugzeug ausstrecken" lauteten einige Anweisungen des Künstlers. Tunick hatte immer wieder Probleme, die Menschenmassen zu disziplinieren und zu einheitlichen Bildern zu bewegen.

Penible Anweisungen
Tunick zeigte sich während des gesamten Nachmittags höchst penibel und wiederholte (die per Dolmetsch auch auf Deutsch erteilten) Anweisungen falls nötig auch mehrmals. Er wusste jedoch auch die Geduld der Nackedeis auf den Rängen zu schätzen. Immer wieder bedankte er sich bei seinen Akteuren. Wegen der Struktur der Sitze sei das die schwierigste Arbeit gewesen, die er bei seinen Installationen je gemacht habe, so Tunick.

Zuletzt spielte Fußball die Hauptrolle, genau genommen 1.000 Fußbälle. Und so wie beim Sport gab es auch bei der Kunstaktion eine strenge Geschlechtertrennung: Die Bälle wurden zunächst an die Männer verteilt, dann erst an die teilnehmenden Frauen.

Großes Medieninteresse
Groß war auch das Interesse der Medien. Zahlreiche Journalisten, Fotografen und Kamerateams verfolgten das Geschehen von der gegenüberliegenden Tribüne aus. Nahaufnahmen von den unbekleideten Stadionbesuchern waren zunächst nicht möglich, die Medienvertreter wurden zudem ersucht, die Privatsphäre der Teilnehmer zu respektieren.

Erst beim letzten Setup mussten diese unmittelbar vor der Medientribüne Aufstellung nehmen - wobei sich einige Akteure sichtlich nicht sehr wohl fühlten. Andere wiederum posierten bereitwillig vor den Objektiven.

Nicht alle kamen
Der Rasen durfte nicht betreten werden, da das Stadion am Montag offiziell der UEFA übergeben werden soll. Die äußeren Bedingungen - frühsommerliche Temperaturen und strahlender Sonnenschein - waren jedenfalls optimal zum Entledigen der Kleidung. Für das EM-Kunstprojekt hatten sich etwa 3.000 Personen angemeldet. Laut Tunick kommt üblicherweise rund die Hälfte davon tatsächlich.

Signierte Fotos als Belohnung
Die Fotos, die Tunick von der "sozialen Plastik" aufnimmt, sind ab 23. Juni im "public space" der Kunsthalle auf dem Karlsplatz ausgestellt. Die Teilnehmer sind unentgeltlich dabei. Sie erhalten allerdings signierte Fotografien.

Auch die Vertreter der Mitorganisatoren, Kunsthallen-Direktor Gerald Matt und Jürgen Weishäupl, Kunstbeauftragter der Initiative "2008 - Österreich am Ball", ließen die Hüllen fallen. Der Künstler selbst behielt seine Kleidung an.

Zweite Aktion in Wien
Spencer Tunick war in Wien bereits aktiv, 1999 versammelte er vor dem heutigen MuseumsQuartier unbekleidete Menschen.

Tunick ist bekannt für seine Aktionen mit nackten Menschenmassen, die er an den unterschiedlichsten Orten der Welt ablichtet. Er wird deshalb auch "Architekt des Fleisches" genannt. Er selbst bezeichnet seine Arbeiten als "lebende Skulpturen" und "Körperlandschaften". Die bisher größte entblätterte Menschenmenge fotografierte der Künstler in Mexiko Stadt, dort posierten auf dem Hauptplatz 18.000 Nackte.

Links: