"Schlimmer als Tsunami 2004"

Hilfsorganisationan müssen weiterhin auf Einreisegenehmigungen warten.
Im Zuge der vor allem wegen der unnachgiebigen Haltung der burmesischen Militärjunta nach wie vor schleppend verlaufenden Hilfe nach dem verheerenden Zyklon "Nagris" hat das Rote Kreuz am Sonntag durch ein Schiffsunglück einen neuerlichen Rückschlag erlitten.

Kurz vor dem Erreichen seines Ziels im schwer verwüsteten Irrawaddy-Delta sank das erste Rote-Kreuz-Boot, das Hilfsgüter für mehr als 1.000 Menschen geladen hatte.

Baumstamm gerammt
Das doppelstöckige Frachtboot habe offenbar einen unter Wasser liegenden Baumstamm gerammt, sagte ein Sprecher der Internationalen Föderation der Rotkreuz- und Rothalbmondgesellschaften (IFRC) in Bangkok. Die Mannschaft und die vier burmesischen Rotkreuz-Mitarbeiter konnten sich in Sicherheit bringen, doch das Schiff sei untergegangen.

Der Frachtkahn war von Rangun aus zu der zwölfstündigen Fahrt in die durch den Sturm zerstörte Ortschaft Bogalay aufgebrochen, wo sich das Schiffsunglück ereignete.

An Bord waren unter anderem Reis, Trinkwasser, Tabletten zur Wasseraufbereitung, Benzinkanister, Tragen, Kleidung, Gummihandschuhe und Seife. "Das ist ein großer Verlust für das Rote Kreuz Burmas und für die Menschen, die so dringend Hilfe brauchen", sagte Aung Kyaw Htut vom burmesischen Roten Kreuz.

Hunderttausende warten auf Hilfe
Nach wie vor warten Hunderttausende Zyklon-Opfer verzweifelt auf Hilfe. Das Irrawaddy-Delta an der Südküste gleiche einem riesigen Ödland aus Schlamm, berichtete ein BBC-Reporter, der sich mit einer Kamera eingeschlichen hatte.

"Die Situation ist völlig außer Kontrolle", sagte der Arzt Saw Simon Tha in einem Krankenhaus, das ohne Strom und Wasser versucht, Tausenden Verzweifelten zu helfen.

Junta-Chef bei Stimmabgabe
Die Militärjunta weist unterdessen Vorwürfe zurück, die Hilfe erreiche die Opfer nicht. Das seien alles Gerüchte, sagte der stellvertretende Außenminister U Kyaw Thu nach einem Bericht des Staatsorgans "Neues Licht von Burma", das zahlreiche Bilder von angeblich eintreffenden Flugzeugen mit Hilfsgütern zeigte.

Alles werde umgehend ins Katastrophengebiet gebracht. Erstmals seit dem Zyklon tauchte auch Junta-Chef Than Shwe im staatlichen burmesischen Fernsehen auf: nicht beim Trostspenden für Opfer und der Verteilung von Hilfsgütern, sondern bei der Stimmabgabe für die neue Verfassung, mit der das Militär seine Macht auf Jahre hinaus zementieren will.

Opferzahl weiterhin unklar
Die Zahl der Opfer ist auch eine Woche nach dem Desaster noch immer unklar. Die Vereinten Nationen (UNO) schließen bis zu 100.000 Todesopfer nicht aus, Hilfsorganisationen gehen zudem von einer noch größeren Zahl aus.

Der von der Junta kontrollierte Sender MRTV gab hingegen die genaue Zahl der Opfer am Sonntag mit 28.458 Toten und 33.416 Vermissten an. Zuvor war von 23.000 Toten und 37.000 Vermissten die Rede.

Warten auf Genehmigungen
Ein Helfer der Johanniter-Unfall-Hilfe äußerte in Rangun die Hoffnung, dass die Junta nach ihrem Referendum von Samstag toleranter werde. Konkrete Hinweise darauf gab es allerdings nicht.

In den Nachbarländern Burmas warten Hunderte Katastrophenexperten auf Einreisegenehmigungen. Allem Anschein nach waren die Botschaften für das Wochenende geschlossen.

In Thailand und Malaysia stehen auf dem Flughafen tonnenweise Nahrungsmittel, Zelte und Medikamente bereit. Die Hilfsorganisationen warten auf Genehmigungen, nach Rangun zu fliegen. Dort hatte das Militär am Freitag Lieferungen des Welternährungsprogramms (WFP) beschlagnahmt. Es will die Hilfe allein verteilen - eine Praxis, die die Hilfsorganisationen ablehnen.

"Komplexer humanitärer Soforthilfeeinsatz"
Das Technische Hilfswerk (THW) bezeichnete unterdessen die durch "Nargis" verursachten Schäden als weit schlimmer als die des Tsunami im Dezember 2004. Wegen der Ausdehnung der Schäden auf eine Breite von etwa 350 Kilometer und bis zu 50 Kilometer ins Landesinnere sei mit einem sehr komplexen humanitären Soforthilfeeinsatz zu rechnen, erklärte das THW am Sonntag.

Notwendig sei deshalb eine umfangreiche Hintergrundlogistik, um neben der medizinischen Versorgung der Opfer und der Verpflegung der Einsatzkräfte auch die Treibstoffversorgung und Instandhaltung der Fahrzeuge sicherzustellen. Die Logistik des THW werde auch anderen Hilfsorganisationen zur Verfügung gestellt.

Österreicher fliegen ins Katastrophengebiet
Auch das Rote Kreuz Österreich intensiviert seine Hilfsarbeiten. Am Samstag landeten drei Maschinen des Roten Kreuzes in Rangun. In der Folge seien 14 Tonnen Unterkunftsmaterial von Mitarbeitern des Myanmarischen Roten Kreuzes verteilt worden, berichtete Wolfgang Kopetzky, Generalsekretär des Österreichischen Roten Kreuzes (ÖRK), am Pfingstsonntag von Fortschritten in der Hilfeleistung.

Am Mittwoch werden auch drei Österreicher ins Katastrophengebiet fliegen. Ihre Aufgabe wird es sein, gemeinsam mit deutschen Rotkreuz-Kollegen mobile Trinkwasseranlagen aufzubauen, die pro Tag 225.000 Liter Wasser produzieren. 15.000 Menschen sollen damit täglich mit sauberem Trinkwasser versorgt werden.

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