Mehr Pop, weniger Beefheart

Frisch, frech, flandrisch - die Taschen-Revolution von dEUS bringt schon ihre Kinder hervor: etwa die Band Mintzkov.
Es hat sich ausgejazzt. In die belgische Musikszene scheint im Frühjahr 2008 so etwas wie ein solider Mainstream eingezogen zu sein. Das gilt vor allem für dEUS, neben Soulwax die vielleicht prominentesten Vertreter ihres Genres aus jener Gegend, die man einst als die katholischen Niederlande bezeichnete.

Mit dem Anfang April auch in Österreich erscheinenden neuen dEUS-Studioalbum "Vantage Point" scheint dEUS endgültig die Captain-Beefheart-Phase früherer Zeiten abgelegt zu haben (was sentimentale Fans der Nummer "Hotel Lounge" vielleicht auch bedauern mögen).

Strenger Zuchtmeister
Mit Depeche-Mode-Produzenten Dave McCracken hatte man zudem einen strengen Zuchtmeister im Hintergrund, der die Band zu so etwas wie Song-Disziplin erzog. Ein Song ist ein Song, und nicht ein ganzes Album für sich, wie das noch auf dem Vorgängeralbum "Pocket Revolution" zu hören war.

Mittlerweile hat der Musikerclub rund um Frontman Tom Barman schon 15 Jahre auf dem Buckel, und auch wenn Barman sich mittlerweile windet, über die "Antwerpener" oder "flandrische Musikszene" reden zu wollen, so muss er doch feststellen: Es gibt bereits eine neue Generation, die den Antwerpener Sound der frühen 90er Jahren weiterträgt - mehr dazu in fm4.ORF.at.

Mintzkov: Weg vom Progrock
Im Moment tritt jedenfalls Mintzkov (früher: Mintzkov Luna) aus der Nachbarstadt Gent mit ihrem zweiten Album, "360°" mehr als selbstbewusst in die Fußstapfen von Musikern wie Rudy Trouve, Tom Barman oder Stef Kamil Carlens, die über Jahre hinweg für die experimentierfreudige Musik aus den flandrischen Tieflanden standen. Mintzkov legen ihr Projekt geradliniger an und verzichten auf die sonst aus dieser Gegend bekannte Kokettiererei mit dem Progrock oder Avantgarde-Spielereien der Marke Dead Man Ray oder Love Substitutes.

Die Stimme von Lies Lorquet
Als zentrale Entdeckung bei Mintzkov kann die Bassistin Lies Lorquet gelten. Sie hat sich in der Szene gerade auch einen Namen als Sängern mit beinahe Pixie-haften Qualitäten erarbeitet. "Sie ist einfach wunderbar", schwärmt Tom Barman im Interview. Bereits auf "Pocket Revolution" hat man auf die Stimme von Lorquet gesetzt, diesmal spielt sie den vokalischen Gegenpart auf der fast sentimental pathetischen Nummer "Eternal Woman".

"Ich habe nach einer klaren, schönen Stimme gesucht, im Stil der 90er Jahre, so wie bei Juliana Hetfield oder Kim Deal von den Pixies", erzählt Barman: "Und dann habe er Lies Lorquet gefunden." Ab jetzt werde sie auf jedem Album mit dabei sein. "Sie ist einfach so nett und straightforward und durch nichts aus der Ruhe zu bringen", erzählt Barman, der selbst einer Band vorsteht, die in der Vergangenheit im Studio weniger einen Produzenten als einen Psychotherapeuten benötigt hatte, der verhindert, dass sich die Mitglieder gegenseitig die Köpfe einschlagen.

Keine Berührungsängste
Doch mittlerweile sind dEUS in ein stabileres Fahrwasser eingebogen. Jeder Musiker könne weiterhin an so vielen Fronten wie möglich unterwegs sein, meint Barman: "So lange klar ist, dass hier das Hauptprojekt stattfindet." Möglicherweise sei es gerade ein Spezifikum der belgischen Szene, dass es zwischen Bands keine Berührungsängste gibt.

"Entweder man kann sich nicht leiden und geht sich aus dem Weg. Oder man mag und schätzt sich, dann arbeitet man zusammen, einfach, weil das Land schon so klein ist", so Barman. Das sei ein zentraler Unterschied zu den Nachbarn in Holland, wo das bandübergreifende Zusammenarbeiten mit Argwohn beachtet würde. Wahrscheinlich kämen deshalb von außen immer Labels wie die "Antwerpener Szene" zustande.

Wie das Beispiel Mintzkov zeigt (oder auch der Karriereweg ehemaliger dEUS-Musiker) ist diese "Szene" ohnedies städteübergreifend. Dennoch bleibt der Eindruck, dass in Städten wie Antwerpen jeder mit jedem zusammenspielt.

So arbeitet der frühere dEUS-Gitarrist Trouve erstmals einem Soloalbum. Und bei diesem drummt Aarich Jespers, der gleichzeitig eigentlich Hauptschlagzeuger von Zita Swoon ist. Und Jespers spielt auch auf dem flämischen Soloalbum von Tom Pintens - und der ist ja eigentlich wieder Gitarrist von Zita Swoon etc. pp. Das Antwerpener Kuddelmuddel geht also weiter - auch wenn es niemand mehr eine "Szene" nennen mag. Aber das ist ja möglicherweise ebenso Teil des Älterwerdens wie das Fokussieren auf die klassisch simplen Qualitäten eines Popsongs.

Gerald Heidegger, ORF.at

Konzerthinweis
DEUS werden im Rahmen des LinzFest am 10. Mai auf der FM4-Bühne auftreten. Am 11. Mai spielen dEUS ein Konzert im Wiener Flex. Versprochen hat die Band weitere Österreich-Auftritte im Herbst/Winter. Für Mintzkov stehen vorerst einige Festivaltermine im Frühjahr/Sommer (bisher in den Niederlanden, Belgien und Deutschland) fest.

Die Alben

  • DEUS, Vantage Point, V2/Universal (ab 4.4.2008)
  • Mintzkov, 360°, Haldern Po/Cargo Records (ab 28.3.2008)

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