Hohes Wachstum - und hohe Inflation

Die Petrodollars erreichen die Bevölkerung nicht.
Die Unzufriedenheit der Bevölkerung mit der hohen Inflation hat in Saudi-Arabien zu bisher unbekannter Kritik geführt. Zwar bescheren die steigenden Ölpreise dem größten Ölexporteur der Welt hohe Gewinne, doch nicht alle Saudis profitieren davon - zumal die steigende Inflation einen Teil der Zuwächse wieder auffrisst.

Sieben Prozent Preissteigerung
Im Jänner lag die Preissteigerung in dem Wüstenstaat bei sieben Prozent, dem höchsten Stand seit 1981. Auch die Prognosen sind trüb. Dafür sei die Bindung an den Dollar verantwortlich, meint Howard Handy, Chefökonom bei der saudi-arabischen Bank Samba Financial Group, gegenüber dem "Handelsblatt".

Würden die USA weiter ihre Zinsen senken, werde der Kampf gegen die Inflation noch schwieriger. Eine eigene Geldpolitik, die dem gefährlichen Liquiditätsüberhang entgegenwirken könnte, sei Saudi-Arabien aufgrund der Bindung an den Dollar unmöglich.

Lohnerhöhung zu gering
Zwar stiegen auch die Löhne der staatlichen Bediensteten im Jänner um fünf Prozent. Doch vielen Saudis ist das angesichts der hohen Inflation im Vorjahr und der wenig berauschenden Prognosen zu wenig: In anderen Golfstaaten legten die Gehälter mehr und früher zu.

Fünf Prozent Wachstum erwartet
Immerhin sollte man meinen, dass angesichts drastisch gestiegener Ölpreise - ohne dass die Produktionskosten gestiegen wären - finanziell mehr möglich ist. Experten erwarten für Saudi-Arabien in diesem Jahr ein reales Wachstum von mehr als fünf Prozent.

Seit mehr als fünf Jahren werden aufgrund der hohen Ölpreise immense Haushaltsüberschüsse erwirtschaftet, die die Regierung nicht zuletzt in milliardenschwere Bauprojekte steckt.

"Guerilla"-Anruf in TV-Show
Die Unzufriedenheit ist da, aber durch ein Verbot politischer Parteien und Demonstrationen fehlt den Bürgern ein Ventil. Um ihrem Ärger trotzdem Luft verschaffen zu können, nutzen sie Internet-Foren.

Oder das Fernsehen: Im Jänner kritisierte ein Anrufer in einer Live-Show die Lohnerhöhungen der Regierung scharf. Diese verbot daraufhin vorübergehend alle Telefonanrufe in Live-Sendungen.

"Wo geht das Geld hin?"
Die Rechnung der saudischen Bevölkerung sei simpel, berichtet Andrew Hammond von der Nachrichtenagentur Reuters. "Wenn wir zehn Millionen Barrel Öl pro Tag produzieren und diese einen Stückpreis von 100 Dollar haben, wo geht dann das ganze Geld hin?", habe ihn ein Mitarbeiter eines staatlichen Unternehmens gefragt.

Scharfe Kritik von Geistlichen
Die hohe Inflation hat auch zu ansonsten kaum je geäußerter Kritik vonseiten islamischer Geistlicher geführt. 19 prominente Imame meldeten sich vergangenen Dezember mit einem Aufruf an die Regierung zu Wort, wie der britische "Telegraph" berichtet.

Sie fanden deutliche Worte: "Wir richten unseren Appell direkt an die Führer des Landes: Wir erinnern euch an die Worte des Propheten, wonach ihr als Hirten die Verantwortung für eure Herde habt."

Und sie führten weiter aus: "Die Führer sollten eine Lösung der Krise finden, die das Leiden der Bevölkerung verringert." Schließlich wurde vorgeschlagen, höhere Subventionen zu zahlen, Gebühren zu verringern und Familien mit Direktzahlungen zu helfen.

Immense Schere zwischen Arm und Reich
Die Kleriker wissen um den Unmut in der Bevölkerung. Denn die Inflation unterstreicht eines der größten Probleme Saudi-Arabiens - die ungleiche Vermögensverteilung. Das amerikanische "Forbes"-Magazin zählt saudische Prinzen und Geschäftsleute zu den reichsten Menschen der Welt, andererseits verdienen manche Beamte des Golfstaates nur 1.000 Rial pro Monat - umgerechnet etwa 420 Euro.

Mieten, Wohnen immer teurer
Außerdem leiden jene, die nicht direkt vom Petrodollar-Segen profitieren, unter hohen Mieten und steigenden Preisen für Lebensmittel, die von dem Wüstenstaat zum überwiegenden Teil importiert werden müssen. Die Inflation wird in diesem Jahr nach Einschätzung der Saudi British Bank (SABB) noch weiter steigen.

König Abdullah hatte im Dezember zusätzliche Subventionen für Reis und Säuglingsmilch beschlossen, um den Effekt des Preisanstiegs für die ärmeren Saudis abzufedern.

Elf Cent pro Liter Super
Nur über hohe Benzinpreise müssen die Männer in dem islamischen Königreich - die Frauen dürfen nicht Auto fahren - nicht klagen. Denn die Saudis, die sich fast ausschließlich mit dem Auto fortbewegen, zahlen pro Liter Super nur 60 Halala (knapp elf Cent).

Börsencrash machte Zubrot zunichte
Als Maßnahme wollte die Regierung Geringverdiener durch die Beteiligung an Börsengängen staatlicher Unternehmen am Aufschwung teilhaben lassen und so die soziale Schere ein Stück schließen. Doch ein Börsencrash im November 2006 machte ihr einen Strich durch die Rechnung.

Der Crash traf viele Saudis so schwer, dass sie wegen Depressionen und anderer psychischer Leiden behandelt werden mussten. Die saudi-arabische Zeitung "el Watan" berichtete unlängst: In den neun Monaten nach dem Crash hätten die Ärzte im Königreich 37.000 Patienten untersucht, die ihre Beschwerden mit dem hohen Verlusten auf dem Aktienmarkt begründet hätten.

Heer junger Arbeitsloser
Das saudische Herrscherhaus müsse sich nun - auch aufgrund des hohen Bevölkerungswachstums von mehr als zwei Prozent - in den kommenden zehn Jahren einem massiven Ausbau der Infrastruktur widmen, analysiert Anne-Beatrice Clasmann, Journalistin der deutschen Nachrichtenagentur dpa.

Neben dem Bau neuer "Wirtschaftsstädte", in denen auch ein Teil des großen saudischen Heeres junger Arbeitsloser eine Beschäftigung finden soll, müssen Schulen, Wasseraufbereitungsanlagen und Elektrizitätswerke gebaut werden. Vor allem in Sachen Bildung hat Saudi-Arabien Aufholbedarf. Viele Fachkräfte müssen aus anderen Ländern geholt werden.

"Bevölkerung ist Kritik nicht gewohnt"
In Saudi-Arabien diskutiert man offiziell aber hauptsächlich über die zulässigen Formen von Kritik an der Staatsführung. "Die Bevölkerung ist Kritik nicht gewohnt. Wenn es Kritik gibt, geht sie meist zu weit", sagt Mohammed el Sulfa. Er ist Mitglied im Schura-Rat, einer Versammlung adeliger Regierungsberater.

König Abdullah teilte dem Schura-Rat diese Woche in einer Rede mit, dass konstruktive Kritik etwas Gutes sei. Beobachter sehen darin eine Absage an die Positionen mancher Hardliner. Die Chancen politischer und wirtschaftlicher Reformen würden dadurch steigen.

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