Die Behörde für menschliche Befruchtung und Embryologie (HFEA) in London erteilte am Mittwoch dem umstrittenen Verfahren ihre Zustimmung, bei dem menschliche Zellen in tierische Eizellen etwa von Rindern eingesetzt werden.
"Auf ersten Blick abstoßend"
"Es erscheint auf den ersten Blick ein bisschen abstoßend, aber man muss verstehen, dass wir nur sehr, sehr wenig genetische Information der Kuh verwenden", sagte Lyle Armstrong von der Universität Newcastle dem britischen Sender BBC. Es solle kein "seltsamer Kuh-Mensch-Hybrid" geschaffen, sondern die bessere Nutzung menschlicher Stammzellen ermöglicht werden.
Da der Großteil der tierischen DNA in der Eizelle vor dem Einsetzen menschlichen Erbguts entfernt wird, entsteht ein weitgehend menschlicher Embryo, aus dem Stammzellen zur Forschung gewonnen werden können. Die Forschung will so den Mangel an verfügbaren menschlichen Eizellen ausgleichen. Chinesische Forscher hatten das Verfahren bereits 2003 erfolgreich angewendet.
Kampf gegen Alzheimer und Co.
Nach einem Bericht des britischen "Guardian" wollen Wissenschaftler des Londoner King's College und der Universität Newcastle damit embryonale Stammzellen gewinnen, durch deren Erforschungen sich die Experten neue Erkenntnisse für den Kampf gegen chronische Krankheiten wie Alzheimer und Parkinson erhoffen.
Ein anderer Ansatz der Stammzellenforschung ist die Entwicklung von Ersatzzellen, da sich aus diesen menschlichen "Urzellen" möglicherweise auch im lebenden Organismus verschiedene Zellen - etwa Nervenzellen - "nachbauen" lassen.
"Rein pragmatische Überlegung"
Dass dabei auf Hybridembryonen zurückgegriffen werden soll, hat einen praktischen Grund, zitiert die "Neue Zürcher Zeitung" ("NZZ") Stephen Minger vom King's College: Den Forschern stehen zu wenige menschliche Eizellen zur Verfügung.
Hunderte Spenderinnen wären nötig, um den Bedarf für die Forschung zu decken. "Ich finde es moralisch abstoßend, Menschen um Körperteile zu bitten", so Minger. "Es ist also eine rein pragmatische Überlegung, um in der Stammzellenforschung weiterzukommen."
Gegner auf den Barrikaden
Gegner des Projekts, darunter auch religiöse Verbände, prangern an, dass der Forschungsansatz die Grenzen zwischen Mensch und Tier zunehmend verschwimmen lässt.
Außerdem würden die Embryonen allein dazu geschaffen, später nach der Entnahme von Stammzellen wieder vernichtet zu werden, so ein weiterer Einwand.
Monatelanger Streit
Vor der Entscheidung der HFEA hatte sich die Debatte zwischen Befürwortern und Gegnern der Stammzellenforschung über Monate hingezogen.
Zwei Gruppen von Forschern hatten bereits im Vorjahr einen Antrag auf die Schaffung von Mensch-Tier-Klonen gestellt. Der wurde jedoch wegen vorerst unklarer Entscheidungskompetenzen auf Eis gelegt. Erteilt die HFEA ihre Zustimmung, könnten die Wissenschaftler binnen drei Monaten mit einer Erlaubnis für ihre Experimente rechnen, heißt es im "Guardian".
Auf eine solche warte unter anderem auch der Schöpfer des Klonschafs "Dolly", Ian Wilmut.
Schwenk in der öffentlichen Meinung
Dem Meinungsumschwung in der britischen Öffentlichkeit waren monatelange öffentliche Debatten, Meinungsumfragen und ein masssives Lobbying der Wissenschaftler vorausgegangen.
Je mehr Hintergrundinformationen die Öffentlichkeit über die Klonexperimente erhielt und je mehr das Thema öffentlich diskutiert wurde, desto stärker sei die Ablehnung gesunken, heißt es nun seitens der HFEA.
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