"Fall Ivan" löst Diskussion aus

Der Polizeieinsatz hatte für den kleinen Tschetschenen Ivan verheerende Folgen.
"Papa, wenn ich aus dem Fenster springe, können wir dann noch ein bisschen in Frankreich bleiben?" Eine Karikatur im Satireblatt "Canard Enchaine" bringt die aktuelle Diskussion über den Umgang mit Asylwerbern in Frankreich zynisch auf den Punkt.

Vor gut zwei Wochen ist ein Zwölfjähriger auf der Flucht vor der Polizei aus dem vierten Stock gestürzt. Er liegt noch immer mit schweren Verletzungen im Krankenhaus von Amiens. Unterdessen werden immer mehr Fälle bekannt, in denen Polizisten bei der Abschiebung abgelehnter Asylbewerber äußerst brutal vorgehen.

Verhängnisvoller Polizeieinsatz
Ivan war mit seinen Eltern 2004 aus Tschetschenien nach Frankreich geflohen. Als russisch-tschetschenisches Paar fühlten sich die Eltern in Grosny nicht sicher. Zweimal wurde ihr Asylantrag in Frankreich abgelehnt. Ivan hatte inzwischen Französisch gelernt und brachte gute Noten nach Hause. Die Familie lebte von 385 Euro Sozialhilfe und stellte einen dritten Antrag auf Asyl.

Als die Polizei Anfang August erst an die Tür klopfte und dann das Schloss aufbohren ließ, brach die Familie in Panik aus. Ivans Vater hangelte sich über den Balkon in die untere Etage. Als sein Sohn nachfolgen wollte, stürzte er ab. Die Folgen: Blutungen im Gehirn, Lähmungen in der rechten Körperhälfte. Erst diese Woche ist er aus dem Koma erwacht, in das ihn die Ärzte versetzt hatten.

25.000 Abschiebungen als Ziel
Einwanderungsminister Brice Hortefeux betonte, dass die Familie illegal in Frankreich sei, erteilte aber eine befristete Aufenthaltsgenehmigung für sechs Monate. "Das ist lächerlich", meint der Anwalt der Familie, Francis Lec, und fordert eine unabhängige Untersuchung.

Der Polizeieinsatz sei unangemessen gewesen, der Staat müsse sich nun seiner Verantwortung stellen. Der französische Präsident Nicolas Sarkozy hatte das Ziel gesetzt, in diesem Jahr 25.000 illegale Einwanderer abzuschieben.

Immer wieder Tumulte bei Flügen
Was Ivans Eltern vorläufig erspart bleibt, ist für viele abgelehnte Asylbewerber Realität: die Abschiebung mit Polizeigewalt. Immer wieder kommt es auf dem Flughafen von Paris zum Tumult, wenn Sicherheitskräfte Ausländer gegen ihren Willen in ein Flugzeug schaffen.

Anfang August wurde ein 33 Jahre alter Algerier mit Würgemalen und Blutergüssen ins Krankenhaus gebracht. Er hatte sich geweigert, das Flugzeug zu besteigen, das ihn zurück nach Algier bringen sollte. Als die Polizisten ihn ins Flugzeug tragen wollten, weigerte sich das Bordpersonal, ihn in diesem Zustand mitzunehmen.

Pilotengewerkschaft meutert
Die Gewerkschaft der Air-France-Piloten hatte Anfang Juli gefordert, dass sie auf ihren Flügen keine abgelehnten Asylbewerber mehr transportieren wolle. "Es gibt immer mehr Kollegen, die sich dagegen sträuben, dass die Rechte der Betroffenen missachtet werden und es zu Misshandlungen kommt", sagte Jean-Paul Maurel von der Pilotengewerkschaft.

"Geschämt, Französin zu sein"
Marie-Francoise Durupt, eine 60 Jahre alte Französin, ist eine von vielen Passagieren, die solche Abschiebungen nicht akzeptieren wollen. "Ich habe mich geschämt, Französin zu sein", sagte sie, als sie im April zusehen musste, wie ein Einwanderer aus Mali mit Gewalt in ihre Maschine gebracht wurde.

Durupt protestierte dagegen, dass die Polizisten den Mann mit einem Kissen "ruhigstellen" wollten. Sie musste sich anschließend vor Gericht wegen Anstiftung zum Widerstand verantworten. Das Urteil wird Anfang September erwartet.

Ulrike Koltermann, dpa