Wie der "Kurier" (Dienstag-Ausgabe) unter Berufung auf den 15-seitigen Bericht, den Woschnagg vor einigen Wochen nach Wien ins Außenamt geschickt hatte, berichtete, bleiben von der Kritik des Spitzendiplomaten weder das Bundeskanzleramt noch das für die EU-Angelegenheiten zuständige Außenministerium, noch die Fachministerien verschont. Das Außenministerium wollte den Bericht gegenüber der APA nicht kommentieren.
Defizite bei Ministeriumsgesandten
Besonders kritisch beurteilt Woschnagg demnach Auswahl und dienstrechtlichen Status der Referenten diverser Ministerien, die in der österreichischen EU-Botschaft tätig sind.
Er bemängle ihre inhaltlichen, sprachlichen und verhandlungstechnischen Defizite im Vergleich zu den ausgebildeten Diplomaten, die nur 20 Prozent der rund 70 Mitarbeiter in Brüssel stellen, so die Tageszeitung.
Zu langsames Agieren
Der Mix aus Beamten, die nicht dem Außenamt, sondern anderen Ministerien unterstellt sind, mache es schwer, rasch zu agieren und österreichische Interessen effizient zu vertreten. "Nicht die Großen fressen die Kleinen, sondern die Schnellen die Langsamen", heißt es laut "Kurier" in dem Bericht.
Es sei kontraproduktiv, wenn jeder Beamte für sich spreche und niemand wisse, was der gemeinsame österreichische Standpunkt sei.
Schlechte Zusammenarbeit
Woschnagg bemängelte auch die Zusammenarbeit der Regierung mit den 18 österreichischen Europa-Abgeordneten, obwohl diese über 50 bis 70 Prozent der vom Nationalrat umzusetzenden EU-Richtlinien mitbestimmen. Weder das Netzwerk mit den EU-Mandataren noch mit den bilateralen Botschaften in den Mitgliedsländern funktioniere.
"Ignoranz gegenüber EU-Recht"
Der langjährige EU-Botschafter kritisierte auch "die innerstaatliche Ignoranz gegenüber dem EU-Recht". "Fachbeamte und Politiker haben sich jahrelang in Sicherheit gesonnt", obwohl Österreich immer gegen EU-Normen verstoßen habe, zitierte die Zeitung in Zusammenhang mit dem umstrittenen Thema Uni-Zugang aus dem Bericht. Ähnlich sei es auch bei der Frage der anonymen Sparbücher und beim Transit, konkret dem sektoralen Fahrverbot in Tirol, gewesen.
Nachfolger im Amt
Woschnagg hatte im September 1999 Botschafter Manfred Scheich als Ständiger Vertreter Österreichs bei der EU abgelöst. Seine Nachfolge trat am Dienstag Hans-Dietmar Schweisgut an, der zuletzt Botschafter in China war.
Schweisgut meinte zu den Aussagen seines Vorgängers gegenüber dem ORF-Radio, er habe vor seiner diplomatischen Karriere jahrelang in verschiedenen Ministerien gearbeitet. Er habe bei der Gelegenheit wissen und schätzen gelernt, dass Sachkenntnis, Engagement und Professionalität kein Monopol des Außenministeriums seien.
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