"Das Wahrlügen ist unerlässlich"

"Die Verrohung der Sprache ist die Verrohung der Welt."
Im Gespräch mit ORF.at äußert sich Karl-Markus Gauß zur Form des Journals, in dem sein neues Buch "Zu früh, zu spät" (Zsolnay) erschienen ist, zur Selbsterhebung mancher Menschen in den Stand des Widerstandskämpfers und erklärt, wieso er kein Weblog betreiben möchte.

"Die bösesten Stellen ..."
ORF.at: Herr Gauß, mit "Zu früh, zu spät" legen Sie bereits Ihr drittes "Journal" vor. Auf den ersten Blick hält ein öffentliches Tagebuch für den Autor sämtliche Freiheiten bereit. Alles ist möglich, vom permanenten Dialog mit der Welt bis zur reinen Selbstbespiegelung. Aber welche Zwänge erlegt einem diese Form auf?

Gauß: Robert Musil, der die Faszination kannte, die von Tagebüchern ausgeht, hat das Tagebuch einmal als "zuchtloseste Form" von Literatur bezeichnet. Das ist eine Gefahr, die ich spüre und der ich sehr bewusst entgegenarbeite: Meine Tagebücher sind gestaltet, d. h. komponiert bis an die Grenze dessen, was das Genre noch zulässt.

Der Gefahr, in Dahinschwadronieren zu geraten, begegne ich durch eine stark kompositorische Note, durch Bezüge, die ich herstelle, durch Motive, die immer wiederkehren; und das, was ich in keinen Zusammenhang integrieren kann, wird oft bei späterer Lektüre der Manuskripte eliminiert.

Das Kürzen ist das Wesen der Mathematik und der Literatur: Die eine Disziplin ist mir vom Namen vorgegeben, die andere aus freier Entscheidung.

Natürlich unterliegt man beim Schreiben oder, richtiger, beim Veröffentlichen von Tagebüchern mancherlei Zwängen. Zum Beispiel: Darf man jemanden, den man in der gewissermaßen täglichen Mitschrift in seiner ganzen Schuftigkeit oder Feigheit oder Erbärmlichkeit gezeichnet hat, dann auch tatsächlich in einem Buch so auftreten lassen?

Die bösesten Stellen sind bei mir immer die, die der Leser dann gar nicht zu lesen bekommt, weil ich sie mir selber nicht zubillige.

Und natürlich kann man in der Literatur von sich nicht so sprechen, wie man es gegebenenfalls beim Spazierengehen mit einem Begleiter tun würde. Man muss verschweigen oder besonders betonen, kurz: Schreiben ist in jedem Falle auch Gestalten.

Und das "Wahrlügen" ist auch bei einem Genre unerlässlich, das für sich Authentizität beansprucht - wie eben das Tagebuch.

Die Fakten "sprechend machen"
ORF.at: Was verstehen Sie unter "Wahrlügen"?

Gauß: Wahrlügen ist ein Wort, das, soweit ich mich erinnere, Aragon geprägt hat: Es meint, dass man literarisch manches Mal etwas erfinden muss, um zur Wahrheit zu gelangen. Auf meine Journale angewandt heißt das nicht mehr als: Es handelt sich bei ihnen nicht um pure Mitschriften, sondern um gestaltete literarische Bearbeitung von Mitschriften.

Der eine Teil der Arbeit ist der, mir im Getriebe der Tage vieles zu notieren; manches davon ist gleich relativ gut formuliert. Aber die weitere Arbeit ist dann, aus dem, was notiert wurde, etwas zu machen, es literarisch zu formen. Da können einzelne Fakten durchaus verändert werden - gerade um sie "sprechend" zu machen, um das, was in ihnen steckt, gewissermaßen erst aus ihnen herauszutreiben.

"Verhunzte Sprache tut mir körperlich weh"
ORF.at: Eine jener Fragen, zu denen Sie immer wieder zurückkehren, scheint die nach dem Übergang von Gewalt in der Sprache zu physischer Gewalt zu sein. In der Sprache orten Sie Gewalt etwa in der politischen Rhetorik, aber auch in den Medien und im Privaten. Wo würden Sie den Punkt festmachen, an dem aus sprachlicher Gewalt physische entsteht?

Gauß: Das ist eine merkwürdige Frage, insoferne, als ich sie mir nie gestellt habe und sie auch nicht beantworten könnte. Die Gewalt in der Sprache spüre ich geradezu physisch; es klingt ein bisschen kapriziös, aber es ist so: Verhunzte Sprache, wie man sie allenthalben in der Politik, in den Medien etc. vernehmen kann, tut mir nahezu körperlich weh.

Eigenartigerweise kann man aber jemandem, dem Sprachsensibilität abgeht, selbst durch die geschickteste Art des Zitierens den Verstoß gegen die Sprache und die sprachliche Sittlichkeit nicht bewusst machen: Er wird es auch weiterhin nicht spüren, es ist, als ob ihm ein Organ fehlte.

Die Verrohung der Sprache ist natürlich auch eine Verrohung der Welt selbst, wiewohl ich nicht so weit gehe zu sagen, die Welt wäre nichts als eine sprachliche Ordnung, ein Sprachspiel etc. Das ist snobistische Sprachphilosophiererei, die gerade in Österreich eine Zeit lang unangenehm starkes Aufsehen um ihre eigene Nichtigkeit gemacht hat.

"Wir haben gemeinsame Feinde"
ORF.at: Sie kritisieren die Selbstinszenierung österreichischer Kulturtreibender als Widerständler gegen das System. Kaum ein Thema scheint Sie so in Rage zu versetzen ...

Gauß: Es stimmt, dass ich die Selbsterhebung in den Stand des Widerstandskämpfers bei Leuten, die sich doch in recht gesicherten Verhältnissen befinden, für degoutant halte, und ich sage das auch. Aber ich hoffe, dass man doch erkennt, dass nicht sie meine Feinde sind, denn immerhin haben wir noch gemeinsame Feinde, gegen die einzustehen es wohl lohnt.

Aber das sollte man nicht mit der Attitüde edler Verfolgter tun, heute seine Unterschrift unter eine Protestnote zu setzen, das sollte man nicht mit dem gleichsetzen, was während der Nazi-Diktatur andere gewagt haben und wagen mussten - und was vielenorts auf der Erde auch heute noch Leute zu leisten haben.

"Ich bin ein 'demokratischer' Schriftsteller"
ORF.at: Sie begeben sich in Ihren Journalen auch auf die Suche nach Gedanken, Ereignissen, Lektüren, Entwicklungen, durch die Sie zu dem wurden, was Sie heute sind. Erleben Sie auf dieser Suche mitunter Überraschungen?

Gauß: Ja, ich erlebe solche Überraschungen fortwährend. Ich schreibe ja, um mich selber zu überraschen. Denn das Schreiben ist für mich der beste Weg, um über die Grenzen meiner eigenen Vorurteile, Ressentiments, Komplexe hinauszugelangen.

Mir werden erst im Schreiben, während des Schreibens viele Dinge klar, die mir vorher ganz konfus erschienen, und schreibend komme ich oft auch erst dahinter, wie komplex, vielschichtig manche Dinge, Menschen, Geschehnisse sind, die mir vorher recht simpel und banal erschienen.

Schreiben ist für mich die beste Form nachzudenken, aber auch in die Tiefe zu fühlen und zu empfinden. Und die Form des Journals, wie ich sie mir entwickelt habe, ist meinem Charakter gemäß; zudem ermöglicht sie auch den Lesern, mir gewissermaßen bei der Verfertigung von Gedanken, ja geradezu beim Entstehen von Gefühlen zuzusehen.

Vielleicht ist das der Grund dafür, dass manche Leser meine Journale mögen, auch wenn sie dem, was ich dort im Einzelnen oft verfechte, keineswegs zustimmen mögen. Aber indem ich zeige, wie ich selber zu diesem oder jenem gelange, müssen sie mir auch nicht zustimmen, um es doch interessant genug zu finden, mir ein Stück auf meinem Weg zu folgen.

Ich höre das übrigens relativ oft von Lesern, dass sie mir in manchem gar nicht zustimmen können, es ihnen aber doch Spaß macht, mich meine für sie falschen Schlussfolgerungen ziehen zu sehen.

In diesem Sinne bin ich ein "offener" Schriftsteller, vielleicht sogar, wenn ein solches Wort in diesem Zusammenhang einen Sinn hat, ein "demokratischer": Man muss mir nicht Recht geben, aber auch wer mir nicht Recht gibt, kann etwas aus der Lektüre gewinnen. Die Form, in der ich schreibe, verlangt keine Gefolgschaft, aber ermöglicht ein imaginäres Gespräch zwischen dem Autor und dem Leser.

Weblog? "Interessanter Gedanke"
ORF.at: Haben Sie jemals daran gedacht, dieses Gespräch tatsächlich zu führen? Würde es Sie reizen, ein Weblog zu betreiben, wo Ihre Leser im Internet immer gleich nach dem Entstehen einzelner Texte mit Debattenbeiträgen reagieren könnten?

Gauß: Interessanter Gedanke. Er ist mir bisher noch nicht gekommen. Spontan gesagt: Ich glaube, ich fürchte mich vor dieser unmittelbaren und fortwährenden Rückkoppelung. Ich brauche Ruhe und Distanz. Ich erzähle, während ich ein Buch schreibe, auch niemandem, worum es darin geht und wie weit ich schon gekommen bin.

Dieses sich Aufstauen ist etwas, das einen beim Schreiben vorantreibt, weil man irgendwann dann so viel aufgestaut hat, dass man es endlich beendet haben möchte. Wenn man schon beim täglichen Schreiben fortwährend Resonanz bekommt, also von der unabdingbaren Einsamkeit des Schreibens befreit wird, dann ist keine innere Kraft mehr in einem da, die einen weitermachen ließe.

"So kulturpessimistisch bin ich nicht"
ORF.at: Sie fordern Ihre Leser richtiggehend zum Dialog heraus - gerade da, wo man Ihnen nicht Recht gibt. Ich hätte in einem Weblog etwa spontan meine Meinung abgegeben, wo Sie über Medienkonsumenten als "tumbe Massen" sprechen und (an anderer Stelle) anklingen lassen, dass Zuseher von Ekel-Shows im TV verlernen, sich über die Zumutungen des eigenen Lebens zu empören. Laufen Sie da nicht Gefahr, als Kulturpessimist missverstanden zu werden?

Gauß: Ja, vielleicht, aber so kulturpessimistisch bin ich ja eigentlich nicht orientiert. Ich warne doch an vielen anderen Stellen immer davor, sich überheblich über die vermeintlich "tumbe" Masse hinwegzuheben oder darüber zu klagen, dass die heutige Jugend anderen Zielen zustrebt als jenen, die man in seinen eigenen juvenilen Revolten hegte.

Und auf Ihre Bemerkung antwortend: Ich glaube, dass ich frei von Verachtung gegenüber sozial Schwachen oder kulturell anders Geprägten als ich bin; ich hoffe es zumindest.

"Keine Heilslehre anzubieten"
ORF.at: Ein weiteres Thema, das in Ihrem Leben so häufig wiederkehrt wie in Ihrem jüngsten Journal, sind die spezifischen Probleme Osteuropas und seiner zahlreichen Völker. Der Osten bedarf der Rettung, schreiben Sie sinngemäß, aber nicht so, wie sich das Marxismus oder Kapitalismus vorstellen. Aus welchem Geist heraus soll dem Osten geholfen werden, mit ihm umgegangen werden?

Gauß: Sie stellen Fragen, deren Klugheit was Gemeines hat. Es lässt sich nämlich leichter sagen, dass der Osten weder am Kommunismus noch am Kapitalismus genesen kann - die ja, genau besehen, beide westlichen Ideen entsprangen -, als zu benennen, wie es ihm denn wirklich gelingen kann, zu sich zu kommen und sich zugleich als Teil der Weltkultur zu behaupten.

Ich diagnostiziere einmal, was alles nicht geklappt hat (z. B. der zentralistische Staatssozialismus) und was heute Verheerendes anrichtet (die Übernahme der nationalen Ressourcen durch westliche Konzerne, die sich dabei auch noch als Wohltäter aufspielen).

Ich habe aber dem Osten bzw. den Menschen, die dort leben, keine neue Heilslehre anzubieten und bin auch kein zivilisationsmüder Ostlandfahrer, der ausgerechnet dort, wo die Verhältnisse prekärer sind, Heilung seiner eigenen Seele vor Zerrüttung sucht.

Wenn ich im europäischen Osten unterwegs bin - und ich hege große Scheu davor, über Europa hinauszugehen, nach Indien zu fahren oder in die Wüste, einfach weil ich glaube, dass ich in diesem Leben nicht mehr so weit komme, mir nur die rudimentären Grundkenntnisse anzueignen, die mich berechtigen, über diese Regionen und Kulturen etwas zu sagen. - Also: Wenn ich im europäischen Osten unterwegs bin, entdecke ich da und dort doch immer die Spuren von etwas, das die marxistische und die kapitalistische Brachialmodernisierung überdauert hat: eine Kultur des Besonderen, Vielfältigen, Einschmelzenden.

Der Osten ist, paradox, nicht nur der Osten, sondern auch die brüchige Verbindung mit Westlichem, und gerade das Brüchige interessiert mich. Ich muss aufpassen, jetzt nicht zu vage und mystifizierend zu werden, aber wer meine Reisebücher gelesen hat, weiß, was ich meine.

"Ich bin an die Grenze gegangen"
ORF.at: Was sagen Ihre Kinder dazu, dass sie in einem veröffentlichten Tagebuch vorkommen?

Gauß: Meine Kinder sind schon in vorangegangenen Büchern von mir vorgekommen, und wie es geschah, das hat ihnen durchaus gefallen. Sie wissen aber, dass sie sich insofern auf mich verlassen können, als ich mir auch beim Tagebuch, das ja die Indiskretion zur Voraussetzung des Genres hat, doch gewisse Diskretion verordne.

Bei "Zu früh, zu spät" bin ich wohl an die Grenzen dessen gegangen, was ich mir selbst erlauben möchte und was ich anderen, mir nahe stehenden Menschen zumuten darf. Ich hoffe, an die Grenzen angestreift zu sein, sie aber nicht überschritten zu haben.

Das Tagebuch kommt literarhistorisch aus der pietistischen Gewissenserforschung und Bekenntnisliteratur, und ein wenig davon ist ihm immer erhalten geblieben.

Das ist natürlich heute schon längst wieder fast charmant, denn was in Tagebüchern in der Regel an Selbstbekenntnissen sich ausspricht, wird ja von jeder nachmittäglichen Talk-Show überboten. Meine Kinder sind im Übrigen sehr tolerant zu mir und sie haben mit mir, dem Ungeduldigen, immer große Geduld gehabt.

"Die Furcht vor dem Nichts"
ORF.at: Sie kommen in Ihrem Buch immer wieder darauf zu sprechen, dass Sie sich während der vergangenen Jahrzehnte zu viel zugemutet haben. 2004 nahmen Sie sich demnach vor, Ihren Fleiß und Ihren Ehrgeiz zu zügeln. Was ist daraus geworden?

Gauß: Mit dem Fleiß ist es bei mir eine seltsame Sache. Ich habe, solange ich mich erinnern kann, immer ein paar Dinge mit vollem Elan und großer Begeisterung getan, angefangen vom Fußballspielen in der Jugend über das studentische Nächtedurchzechen und Durchdebattieren bis jetzt, beispielsweise, zum Reisen. Und natürlich zum Schreiben.

Woran das liegt? Vielleicht ist es die Furcht vor dem Nichts. Wie meine Frau immer sagt: Gebt's ihm was zum Arbeiten, sonst wird er mir unleidlich.

Vor ein paar Jahren waren wir im Haus eines befreundeten Malers auf einer griechischen Insel. Es war mir nach einiger Zeit schlicht unerträglich, den Griechen dabei zuzusehen, wie sie es zu Wege bringen, einen ganzen Nachmittag im Cafe am Hafen zu sitzen, mit ihrem Ketterl zu spielen - und nichts zu tun. Nichts zu tun, das ist für mich eine unerhörte Anstrengung.

Ich wäre gerne eine schöne Seele, die sich selber im Müßiggang ertragen könnte. Ich votiere ideologisch sehr für eine Welt, in der eine Kultur des Müßigganges gerechtfertigt und entfaltet wird. Aber mir selber würde sie einige Qual bereiten.

Ich habe mir selber in den letzten Jahren einige Male Muße verordnet. In "Zu früh, zu spät" habe ich sogar behauptet, es beginne jetzt nach meinem fünfzigsten Geburtstag eine Zeit, in der ich es langsamer, ruhiger angehen werde.

Das war aber mehr eine Selbstbeschwörung. Ich muss auch beim Schreiben ans Limit der Erschöpfung gehen, sonst wird's nichts bei mir.

Buchhinweis
Karl-Markus Gauß: Zu früh, zu spät. Zwei Jahre. Zsolnay, 409 Seiten, 25,60 Euro.

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