Aus dem Tagebuch eines Kritikers

Gauß' Reise in die eigene Vergangenheit.
Karl-Markus Gauß sieht sich mitunter dem Vorwurf ausgesetzt, er sei reaktionär. In "Zu früh, zu spät" (Zsolnay) bezieht der 52-jährige Salzburger Autor Stellung und legt seine politischen und intellektuellen Wurzeln dar.

Er wählt nach "Mit mir, ohne mich" (2002) und "Von nah, von fern" (2003, beide Zsolnay) bereits zum dritten Mal die literarische Form des Journals, eines überarbeiteten und durchkomponierten Tagebuchs, in dem genreübergreifend Platz findet, was ihn bewegt.

Essays über Literatur und Politik, kulturkritische Polemiken und Privates verdichten sich zu einem Spiegelbild seiner Gedankenwelt.

Die Spur der österreichischen Revolte
Im Zentrum dieser Welt steht ein Grundsatz, den Gauß auf über 400 Seiten umkreist und am knappsten mit den Worten des palästinensisch-amerikanischen Schriftstellers Edward Said wiedergibt: "Der Intellektuelle muss zu verhindern suchen, dass die Vergangenheit verschwindet."

Er selbst folge nicht nur der Spur der "vergessenen" Kulturen Osteuropas, sondern auch jener "der Revolte, die sich durch die österreichische Geschichte zieht".

Der Geist der Widerstandskämpfer
Seine Suche nahm Gauß bei der Zeitschrift "Wiener Tagebuch" auf, wo er während der 70er Jahre sozialisiert wurde, im Umfeld ehemaliger Widerstandskämpfer und aus dem Exil zurückgekehrter linker Intellektueller.

Dort eignete sich der junge Gauß an, was er nicht bereits von seinem Vater über die Geistes- und Kulturgeschichte des 19. und 20. Jahrhunderts wusste, vor allem jene Teile, die heute längst aus dem geisteswissenschaftlichen Gedächtnis verschwunden sind.

Widerstand keine "aparte Floskel"
Mit der alten Generation des "Wiener Tagebuchs" lernten die Jungen (unter ihnen auch Erich Hackl und Martin Pollack) aber vor allem Menschen kennen, denen Widerstand noch "keine aparte Floskel", sondern eine "lebensgefährliche Sache" war.

Und während andere, die "wohlfeilen" Österreich-Kritiker, wie Gauß sie pauschal nennt, zu reüssieren begannen, wurden jene kaum von einer breiten Öffentlichkeit wahrgenommen - wenn nicht mit übler Nachrede bedacht -, die durch ihre Taten ein Österreich repräsentierten, für das man sich nicht zu schämen brauchte.

Gegen die "schmucke Plakette"
Bis heute kann sich Gauß über wenig so ereifern wie über die anmaßende Pose des Widerstands, die auch während der vergangenen Jahre zu beobachten gewesen sei, namentlich in Zeiten der schwarz-blauen bzw. schwarz-orange Regierungskoalition. Dagegensein werde von vielen als "schmucke Plakette" angesteckt.

Gauß hatte sich schon der Studentenbewegung der Jahre nicht angeschlossen (es wäre sich vom Alter her nur knapp ausgegangen), auch wenn er sie damals gegenüber dem allzu schulmeisterlichen Manes Sperber verteidigte.

Und Rudi Dutschkes Kampfrhetorik war für ihn genauso bürokratisch und eindimensional wie die "imperialistisch-kapitalistische" Bürokratie, zu deren Zerstörung die RAF angetreten war.

"Wir haben gemeinsame Feinde"
Im E-Mail-Gespräch mit ORF.at stellt Gauß klar: "Aber ich hoffe, dass man doch erkennt, dass nicht sie meine Feinde sind, denn immerhin haben wir noch gemeinsame Feinde, gegen die einzustehen es wohl lohnt."

In "Zu früh, zu spät", noch ganz im Glauben geschrieben, die Wenderegierung werde "ewig" halten, übt er selbst Kritik an ihrem Kanzler Wolfgang Schüssel. Zahllose Male nehme dieser das Wort "Reform" in den Mund und meine damit doch nur eine neoliberale Wirtschaftspolitik, Sozialabbau und eine menschenverachtende Asylpolitik.

"Wenn es die Slowenen nicht mehr gibt ..."
An die Parteien Kärntens richtet er Vorwürfe wegen ihres Umgangs mit den Slowenen. Die Volksgruppe würde erst dann akzeptiert werden, wenn es sie als solche nicht mehr gäbe.

Auch hier treibt ihn der Umgang der Gesellschaft mit ihren Minderheiten um wie bei zahlreichen anderen Publikationen, zuletzt etwa in "Die Hundeesser von Svinia" (2004) über slowakische Roma und "Die versprengten Deutschen" (2005, beide Zsolnay) über deutsche Volksgruppen im nicht deutschsprachigen Europa.

Der Einfluss des Vaters
Gauß' Interessenlage liegt in seiner Familiengeschichte begründet. Sein Vater war Angehöriger der in der serbischen Vojvodina beheimateten deutschsprachigen Donauschwaben. Samt seiner Familie floh der Vater infolge des Zweiten Weltkriegs nach Salzburg.

Dort schrieb er für eine donauschwäbische Zeitschrift, bis er nach vielen Jahren schließlich gehen musste, weil seine Texte einem maßgeblichen Teil der Heimatvertriebenen zu wenig nationalistisch waren.

Gauß profitierte von des Vaters "enzyklopädischem Wissen über die Intellektuellen des Balkans". Sein Vater ermöglichte ihm außerdem schon früh zu studieren, was ihn gerade interessierte: die Klassiker der Literatur, die "Abgelegenen" wie Karl Emil Franzos und Jakob Julius David, die Geschichte der k. u. k. Monarchie und der Balkanstaaten des 19. Jahrhunderts.

"Die Welt muss gerettet werden"
Bis heute verfolgt Gauß das Geistesleben Osteuropas in seinen Reiseberichten und nicht zuletzt als Herausgeber der Zeitschrift "Literatur und Kritik". Auch "Zu früh, zu spät" ist voll von Geschichten über Begegnungen mit osteuropäischen Schriftstellern und Hinweisen auf die Werke ihrer Vorgänger.

"Die Welt muss gerettet werden", schreibt Gauß, und meint damit besonders Osteuropa; aber nicht aus dem Geist des Kapitalismus heraus oder aus dem des Marxismus.

Gefragt, aus welchem Geiste denn dann, erklärt Gauß im Interview: Der Osten Europas müsse zu sich zu kommen und sich zugleich als Teil der Weltkultur behaupten: "Wenn ich (...) unterwegs bin, entdecke ich da und dort doch immer die Spuren von etwas, das die marxistische und die kapitalistische Brachialmodernisierung überdauert hat: eine Kultur des Besonderen, Vielfältigen, Einschmelzenden."

Wider "die Kulturindustrie"
Es sind zahlreiche Momente des heutigen Lebens, nicht nur in Osteuropa, denen Gauß in seinem Buch Polemiken widmet. Moderne Architektur kommt beispielsweise nur in Zusammenhang mit der "Verschandelung" von Städten und Dörfern vor.

In adornitischem Furor geißelt er "die Kulturindustrie" und spricht wie Freud vom "Unbehagen in der Kultur". Teilnehmerinnen an einer Dating-Show nennt er "kichernde Huren, die sich pflichtgemäß um die Gunst streiten, von einem dementen Mustermännchen durch die Südsee gevögelt zu werden".

"So kulturpessimistisch bin ich nicht"
Genauso ein Dorn im Auge sind ihm "Ekel-Shows", wo semiprominente Kandidaten etwa in Kakerlaken baden. Die Zuseher würden dabei verlernen, sich über die Zumutungen des eigenen Lebens zu empören.

Gauß stellt zwischen solchen Shows und ihrer Wirkung eine jener einfachen Wenn-dann-Beziehungen her, die in der Medientheorie nach Neil Postman als äußerst umstritten gelten, nicht zuletzt deshalb, weil sie die unterschiedlichen Motivlagen der einzelnen Medienkonsumenten, Teilnehmer und Produzenten vernachlässigen.

Im Interview verteidigt sich Gauß: "So kulturpessimistisch bin ich ja eigentlich nicht orientiert. Ich warne doch an vielen anderen Stellen immer davor, sich überheblich über die vermeintlich 'tumbe' Masse hinwegzuheben."

Der Vandalismus in der Sprache
Viel Raum widmet Gauß auch dem Vandalismus, den er heute im Irak-Krieg der USA genauso wieder findet wie in Saddam Husseins Regime, in "verhunzter" Sprache genauso wie bei jugendlichen Randalierern. Vandalismus entstehe aus einem Hass gegenüber der Gesellschaft oder aus Selbsthass.

"Wenn der Fortschritt Demokratie wäre ..."
Mit Gilbert Keith Chesterton, einem englischen Schriftsteller der vorigen Jahrhundertwende, argumentiert er: "Tradition ist die Demokratie der Toten." Man könne über ihre Erfahrungen verfügen. Die Gesellschaft entscheidet selbst, was sie übernimmt.

Gauß fügt hinzu: "Wenn der Fortschritt die Demokratie der Lebenden wäre, hätte ich nichts gegen ihn."

Demnächst ein Weblog?
Aber ganz gleich, worüber Gauß schreibt - empört über die große Weltpolitik, amüsiert über manche seiner Bekannten, besorgt über private Probleme oder erhellend über die Kultur- und Geistesgeschichte Europas: Er schreibt es mit der ihm eigenen sprachlichen Intensität, der man sich als Leser auch dort nicht entziehen kann, wo man ihm nicht Recht gibt.

Seine Texte fordern zum Dialog auf. Gauß könnte seine Journale - durchaus Gewinn bringend - auch als Weblog führen. "Der Gedanke ist mir bisher noch nicht gekommen", sagt er im Interview. Vielleicht widmet sich Gauß ja nach rund 1.500 Artikeln in den Feuilletons und zahlreichen Büchern demnächst dem Web.

Simon Hadler, ORF.at

Buchhinweis
Karl-Markus Gauß: Zu früh, zu spät. Zwei Jahre. Zsolnay, 409 Seiten, 25,60 Euro.

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