"Man soll hier nicht unterscheiden"

Immer mehr Organisationen und Vereine fordern Befreiung von Studiengebühren.
Bundeskanzler Alfred Gusenbauer (SPÖ) unterstützt den Vorstoß zahlreicher gemeinnütziger Organisationen und Vereine, die eine Befreiung der Studiengebühren für "ihre Studenten" fordern. Gusenbauer (SPÖ) sprach sich am Montag für eine großzügige Regelung aus.

"Ich finde, dass man hier nicht unterscheiden soll, welche Art von freiwilliger Arbeit im Dienste der Gemeinschaft geleistet wird", forderte Gusenbauer im Ö1-Abendjournal eine möglichst weite Fassung des Bereichs der anerkannten Tätigkeiten.

Die Entscheidung liege allerdings bei Wissenschaftsminister Johannes Hahn (ÖVP).

"Alles einbeziehen"
"Ich glaube, man sollte alles, was hier gemeinnützig ist, wie Feuerwehr, Rettung und viele andere, mit einbeziehen", so Gusenbauer zuvor am Rande des SPÖ-Landesparteivorstandes in St. Pölten.

Hahn habe dazu eine Arbeitsgruppe eingesetzt, die genau festlegen soll, welches Engagement anerkannt wird - mehr dazu in oesterreich.ORF.at.

Broukal für "großzügigen Ansatz"
Auch SPÖ-Wissenschaftssprecher Josef Broukal wünscht sich, dass "sehr viele verschiedene Tätigkeiten" für die Abgeltung der Studiengebühren durch gemeinnützige Arbeit anerkannt werden.

Cap: "Durchlöchern wie Emmentaler"
Für SPÖ-Klubobmann Josef Cap haben die Vorschläge, Mitgliedern der Feuerwehr oder einer Blasmusikkapelle die Studiengebühren zu erlassen, "durchaus ihre Berechtigung, wenn man die Studiengebühren in der Form abschaffen möchte, dass man sie wie einen Emmentaler bis zur Unkenntlichkeit durchlöchert".

Wie Cap am Montag im Chat Lesern von derstandard.at erklärte, sei "das letzte Wort zu den umstrittenen Studiengebühren noch nicht gesprochen".

"Prinzip Ehrenamtlichkeit untergraben"
Der steirische Landeshauptmann Franz Voves (SPÖ) richtete seiner Partei wieder einmal aus, was er von der Studiengebührenregelung hält. Er sieht das "Prinzip Ehrenamtlichkeit" untergraben. Studenten würden dann "entlohnt" werden, Lehrlinge und alle anderen, die bei Gemeinnützigen helfen, nicht.

Befreiung auch für Parteimitglieder?
Sein Landeshauptmann-Stellvertreter Hermann Schützenhöfer (ÖVP) verteidigte die Regelung, warnte aber von einem gegenseitigen "Aufrechnen" von Tätigkeiten wie dem Engagement bei der Blasmusik: "Man ist ja auch freiwillig Parteimitglied, also könnte man die Sache auch auf Mitglieder der JVP (Junge ÖVP, Anm.) und der JG (Junge Generation der SPÖ, Anm.) ausdehnen", so der Parteiobmann.

Jungschar meldet 12.000 ab
Nach Freiwilliger Feuerwehr, Rotem Kreuz, Bergrettung, Blasmusik und Katholischer Jugend forderte nun auch die Katholische Jungschar Österreichs für ihre 12.000 ehrenamtlich tätigen Gruppenleiter die Befreiung von den Studiengebühren.

Grundsätzlich meint die Organisation allerdings, dass eine solche finanzielle Rückvergütung nicht das geeignete Mittel zur Förderung und Aufwertung des Ehrenamtes sei.

"Gewaltiger Aufwand" bei Blasmusik
Losgetreten wurde die neue Welle an Begehrlichkeiten in der Steiermark. Dort ist ein gemeinsamer offener Brief von Rotem Kreuz, Feuerwehr, Bergrettung, Kirche, jugendlichen Kulturinitiativen und dem Blasmusikverband geplant.

Der Obmann des steirischen Blasmusikverbandes, Horst Wiedenhofer, wünscht sich, dass eine Gebührenbefreiung für Studenten gilt, die bei der Blasmusik sind. Auch sie würden gemeinnützig arbeiten und viel Zeit investieren: "Das ist ein gewaltiger Aufwand."

Ausnahme auch für Milizsoldaten?
In Kärnten werden ebenfalls Stimmen laut, die eine breite Auslegung der Regelung fordern. Der ÖVP-Landtagsabgeordnete Stephan Tauschitz unterstützt die steirische Initiative: "Tausende junge Menschen leisten Monat für Monat freiwillige Stunden bei der Feuerwehr, dem Roten Kreuz, der Berg- und der Höhlenrettung (...)."

Auch Milizsoldaten nennt Tauschitz als Kandidaten für die Neuregelung, "sofern sie die erforderlichen Stunden bringen".

Diese Arbeiten im Dienste der Bevölkerung würden "sämtliche Kriterien erfüllen, die das Programm der Bundesregierung zur Befreiung von der Studiengebühr" vorsehe.

Skepsis beim Roten Kreuz
Das Modell habe aber seine Grenzen, sagen Kritiker. Der Sprecher des Österreichischen Roten Kreuzes, Bernhard Jany, hatte sich nach Bekanntwerden des neuen Modells skeptisch gezeigt, was jene Studenten betrifft, die noch keine entsprechende Ausbildung hätten.

Die Regelung sei unausgegoren: "Wenn ein Student etwa als Rettungssanitäter arbeiten möchte, so ist dazu eine Ausbildung von 100 Stunden Theorie und 160 Stunden Praxis nötig." Abgesehen von der offenen Kostenfrage für die Ausbildung müssten Studierende diese 260 Stunden einmal investieren, bevor sie als Mitarbeiter im Rettungsdienst zum Einsatz kommen.

"Völlig indiskutabel"
Jany kann sich aber vorstellen, dass die Regelung für jene Personen interessant wäre, die ohnehin bei Hilfsorganisationen tätig sind und die Ausbildung bereits absolviert haben.

Völlig indiskutabel ist nach Ansicht des ÖRK-Vertreters die Vergütung von sechs Euro für die absolvierte Stunde. "Damit wird die soziale Arbeit in Österreich abgewertet", so Jany. Auf Grund der geringen Bezahlung erwartet man beim Roten Kreuz auch keinen Ansturm von Studenten, das Zivildienstloch werde damit jedenfalls kaum zu füllen sein.

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