Fischer: "Warmherziger Mensch"

Kein Nachfolger: Schüssel übernimmt Innenressort.
Der überraschende Tod von Innenministerin Liese Prokop (ÖVP) hat in der heimischen Politik tiefe Bestürzung ausgelöst. Die Todesnachricht erreichte die Öffentlichkeit genau an der Wende zum neuen Jahr. Die 65-Jährige starb an den Folgen eines Aorta-Risses nahe dem Herzen.

Ende 2004 in Bundespolitik gewechselt
Prokop hatte ihr Amt im Dezember 2004 angetreten, nachdem ihr Vorgänger Ernst Strasser seinen Rückzug aus der Spitzenpolitik angekündigt hatte. Unter ihre Ägide fielen unter anderem die strengeren Asylregelungen, das neue Staatsbürgerschaftsrecht und die Umsetzung der Exekutivreform.

Prägende Figur in Landespolitik
Vor ihrer Tätigkeit in der Bundespolitik war die Innenministerin jahrelang eine prägende Erscheinung in der niederösterreichischen Landespolitik gewesen und hatte unter anderem als Landeshauptmann-Stellvertreterin fungiert. Bei der letzten Nationalratswahl trat sie als Spitzenkandidatin der ÖVP in Niederösterreich an.

Fischer würdigt Prokop
Bundespräsident Heinz Fischer hat sich über den unerwarteten Tod Prokops "sehr betroffen und erschüttert" gezeigt. Prokop sei eine sehr engagierte Ministerin und ein "kontaktfreudiger" und "warmherziger Mensch" gewesen, sprach Fischer im ORF-Fernsehen von einem "schweren Verlust" - mehr dazu in iptv.ORF.at.

Auch in seiner dritten Neujahrsansprache ging Fischer auf den Tod der Innenministerin, den er als "schweren Schlag für die Republik Österreich" bezeichnete, ein. Das Land habe "ein engagiertes, umsichtiges und weit über die Grenzen ihrer eigenen Gesinnungsgemeinschaft hinaus geschätztes Regierungsmitglied verloren".

Dank an Helfer des Landes
Fischer drückte der Familie Prokops "im Namen unserer Republik und auch persönlich unsere aufrichtige Anteilnahme aus" und nahm den Todesfall mit Blick auf die beteiligten Rettungskräfte zum Anlass, allen beruflichen und freiwilligen Helfern Österreichs "sehr herzlich" für ihr Wirken zu danken.

Schüssel: "Dramatische Situation"
Bundeskanzler Wolfgang Schüssel (ÖVP) sprach von einer "dramatischen Situation". Das "große Herz" Prokops habe gestern versagt und "auch uns ist das Herz stehen geblieben". Es sei eine "unfassbare Vorstellung", dass eine Spitzensportlerin "so blitzartig" aus dem Leben verschwindet.

Er habe die Ministerin als "kollegial und teamfähig" erlebt, so der Kanzler. Prokop habe vieles weitergebracht und "wir sollten ihr alle dankbar sein".

Pröll: "Sie wird uns fehlen"
Mit Prokop sei "ein Stück von diesem Land verloren" gegangen, sagte Niederösterreichs Landeshauptmann Erwin Pröll (ÖVP). Prokop sei mit dem Land verbunden gewesen und "wird uns, sie wird Niederösterreich und sie wird mir persönlich fehlen", so Pröll.

Während der 26-jährigen Zusammenarbeit habe es "kein einziges Zerwürfnis" gegeben, lobte Pröll "die hohe menschliche Qualität" der verstorbenen Ministerin.

Molterer: "Menschliche Politik"
ÖVP-Klubobmann Wilhelm Molterer zeigte sich "erschüttert und fassungslos": "Wir haben einen außergewöhnlichen Menschen verloren." Prokop sei eine Frau mit Herz und einem "tiefen sozialen Empfinden" und habe die Politik "menschlich gestaltet", so Molterer. "Sie wird mit ihrer Arbeit für Österreich in uns weiterleben."

Josef Pröll: "Sie gab mir Halt"
"Der Tod von Liese Prokop ist ein unfassbarer Verlust. In all den vielen Jahren der Politik ist sie ein gütiger und offener Mensch geblieben. Ich werde sie von Herzen vermissen", reagierte Landwirtschaftsminister Josef Pröll (ÖVP) in der Nacht auf Montag tief betroffen auf den Tod von Prokop. In seinen Anfängen als Politiker habe ihm Prokop Halt gegeben.

Auch der zweite Nationalratspräsident Michael Spindelegger, Gesundheitsministerin Maria Rauch-Kallat, Verteidigungsminister Günther Platter und andere ÖVP-Granden sowie Kardinal Christoph Schönborn und zahlreiche Vertreter der Welt des Sports bekundeten ihr Beileid.

Als Sportlerin berühmt geworden
Prokop war auch als Sportlerin eine Größe. Ihre Karriere krönte sie mit dem Gewinn der Silbermedaille im Fünfkampf bei den Olympischen Spielen 1968 in Mexiko, 1969 stellte die Europameisterin den Weltrekord im Fünfkampf auf.

Beileidsbekundungen aus dem Ausland
Auch aus dem Ausland trafen Kondolenz-Botschaften ein. EU-Justizkommissar Franco Frattini zeigte sich "äußerst schockiert" und würdigte die Zusammenarbeit mit Prokop während Österreichs EU-Vorsitz.

Für das derzeitige EU-Vorsitzland Deutschland übermittelte der deutsche Innenminister Wolfgang Schäuble ein Beileidstelegramm an Schüssel.

Mit "Bestürzung und tiefer Trauer" hat der luxemburgische Innenminister, Luc Frieden, auf den überraschenden Tod seiner österreichischen Ressortkollegin reagiert.

Kanzler leitet Ressort
Nach Prokops Tod übernimmt Kanzler Schüssel selbst die Leitung des Ressorts bis zur Bestellung einer definitiven Bundesregierung. Darauf haben sich Fischer und Schüssel Montagvormittag verständigt, teilte die Präsidentschaftskanzlei mit. Die Angelobung wird am Dienstag um 17.00 Uhr in der Präsidentschaftskanzlei erfolgen.

Nach dem Tod der Ministerin ist gemäß der Bundesverfassung unmittelbar ein Amtsnachfolger zu bestellen. Da derzeit eine "mit der Fortführung der Verwaltung" betraute Bundesregierung im Amt ist, sei der Nachfolger aus dem Kreis der Mitglieder dieser Regierung oder der leitenden Beamten des Innenministeriums zu bestellen, hieß es aus der Hofburg.

Kondolenzbuch
Online gibt es auf noe.ORF.at die Möglichkeit, in einem Kondolenzbuch die verstorbene Politikerin zu würdigen - mehr dazu in noe.ORF.at.

Links: