Scharfe Kritik an Veröffentlichung

Woher stammen die Zitate Kampuschs?
Gegen den ausdrücklichen Wunsch von Natascha Kampusch sind angebliche Zitate von ihr an die Öffentlichkeit gelangt. Der Inhalt der Passagen betrifft das Zusammenleben von Kampusch mit ihrem Entführer Wolfgang Priklopil.

Das Magazin "News" führt die entsprechenden Zitate in einem aktuellen Bericht an. Was fehlt, sind Angaben darüber, wie die Informationen an "News" gelangten.

Abgesehen von zwei Passagen aus ihrem Brief an die Öffentlichkeit im letzten Drittel des Artikels fehlen Quellenangaben. Die "Bild"-Zeitung übernahm wiederum die "News"-Recherche, angereichert um Botschaften der Bauart "Wie es wirklich war".

"In Gesprächen mit Betreuern und Ermittlern"
Nur dem ersten "News"-Zitat folgt "... sagt Natascha Kampusch jetzt in den Gesprächen mit ihren Betreuern und den Ermittlern". Dadurch entsteht der Eindruck, dass auch alle weiteren, zahlreichen Zitate Gesprächen mit Betreuern und Ermittlern entstammen.

"Autorin hat mit allen gesprochen"
Die Polizei schließt aus, dass die bisher unveröffentlichten Informationen aus ihren Reihen stammen. Auch die Betreuer kritisierten "News" scharf für die Veröffentlichung der Zitate.

"News" verteidigt sich: Alles recherchiert
"News"-Chefredakteur Josef Votzi verteidigte den Artikel, aber auch er wollte "im Sinne des Informantenschutzes" keine Quellen nennen.

Wenig später meldete sich der zweite "News"-Chefredakteur Andreas Weber bei ORF.at. Jede Zeile der "News"-Berichte stimme - Weber schiebt die Dementis der Polizei wiederum auf Konflikte zwischen der Polizei und den Psychologen, die Kampusch betreuen.

Wie Weber betonte auch Votzi, dass die Autorin des Artikels mit "allen gesprochen hat, die Kontakt mit Natascha hatten" und "die uns zugänglich waren".

"Keine Protokolle der Polizei"
Oberstleutnant Detlef Polay aus dem Team von Generalmajor Gerhard Lang berichtete gegenüber ORF.at von einem Gespräch mit der Autorin des Artikels, Martina Prewein.

Sie habe ihm gegenüber bestätigt, keine Protokolle der Polizei für den Artikel verwendet zu haben. Es handle sich um ein Sammelsurium von Recherchen bereits publizierter Informationen und Kampusch-Zitaten, die ihr in Gesprächen mit nicht näher genannten Personen zugetragen worden seien.

"Nicht aus Polizeikreisen"
Auch Polay selbst sagt: "Aus den Niederschriften der Gesprächsprotokolle befinden sich keine Teile in dem 'News'-Artikel."

Die Chefermittler hätten ihm das bestätigt. Polay schließt auch mit Sicherheit aus, dass andere Polizeibeamte Informationen weitergegeben haben. Laut Polay entstammen die in "News" veröffentlichten Zitate keinesfalls Gesprächen zwischen Ermittlern und Kampusch. Mit "Ermittler" müssten ja nicht unbedingt Polizeibeamte gemeint sein.

Polizei will Bericht prüfen lassen
Herwig Haidinger, Leiter des Bundeskriminalamtes (BK), will den "News"-Bericht jedenfalls prüfen lassen.

Sollten doch Polizeiprotokolle oder Teile daraus in Medien aufgetaucht sein, sei das "ein rechtswidriger Vorgang".

Amtsgeheimnis verletzt?
"Das wäre selbstverständlich nicht in Ordnung", bekräftigte Haidinger gegenüber der APA. Sollten Details weitergegeben worden sein, wäre zu untersuchen, "ob ein Amtsgeheimnis verletzt wurde", und auch disziplinäre Schritte würden gesetzt.

"Mögliche Re-Traumatisierung"
Heftige Kritik an der Vorgangsweise von "News", das auch Aussagen veröffentlichte, die Kampuschs höchstpersönlichen Lebensbereich betreffen, übte am Donnerstag das Betreuerteam des Entführungsopfers um den Psychiater Max Friedrich. Dieses verdächtigt "News" wiederum, in einem Konflikt mit der Polizei zu stehen.

Bei einer Pressekonferenz in Wien sagte Friedrich, damit sei das Persönlichkeitsrecht der Frau verletzt worden. Er sprach sogar von einer "möglichen Re-Traumatisierung durch die öffentliche Bloßstellung des Opfers".

"Das kann nicht sein"
"Frau Kampusch wird irgendwann an die Öffentlichkeit treten. Aber es kann nicht sein, dass plötzlich Gesprächsprotokolle in den Medien auftauchen", kritisierte die Kinder- und Jugendanwältin Monika Pinterits die Veröffentlichung von Auszügen aus einem persönlichen Gespräch zwischen Kampusch und Polizeibeamten.

Friedrich wollte zu der Causa keine weiteren Kommentare abgeben - nur so viel: "Ich habe heute (Donnerstag, Anm.) diesbezüglich einen Termin mit Innenministerin (Liese, ÖVP Anm.) Prokop."

Brief von Kampusch selbst
Zu dem vor einigen Tagen verlesenen Brief des Entführungsopfers bekräftigte Friedrich, dass es sich bei dem im Fernsehen gezeigten Schriftstück um eine Abschrift jener "Ideen und Gedanken" von Natascha Kampusch handelte - und nicht um das Original: "Das waren einzelne Zettel, die ich in einem Tresor aufbewahre", so der Psychiater.

Er habe den Text eins zu eins übertragen, lediglich die Reihenfolge der Textpassagen sei - in Absprache mit Kampusch - verändert worden.

Medienkonflikte im Hintergrund
Neben dem Fall Kampusch gibt es noch eine andere Konfliktachse, die das Mediengeschäft selbst betrifft. Am Nachmittag erreichte die Medien eine Mitteilung vom Hauptgesellschafter des News-Verlages.

Nach einem mehrwöchigen Tauziehen und Druck des Mehrheitsgesellschafters Gruner+Jahr müssen sich die Fellner-Brüder nun fast völlig aus dem News-Verlag zurückziehen. Wolfgang und Helmut Fellner reduzieren ihre Mitsprache- und Einsichtsrechte in der operativen Gesellschaft der Verlagsgruppe News auf die einer Finanzbeteiligung, so die Pressemitteilung. Darauf haben sich Gruner+Jahr und die Fellners geeinigt.

Dem deutschen Zeitschriftenverlag gehören 56 Prozent der News-Gruppe, den Fellners 18,7 Prozent. Die restlichen 25,3 Prozent hält die "Kurier"-Zeitschriftentochter, wo Raiffeisen und die WAZ als "Kurier"-Gesellschafter das Sagen haben. Fellner startet am Freitag sein Zeitungsprojekt "Österreich" - dem Vernehmen nach ohne das erwartete "Exklusiv"-Interview mit Kampusch.

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