Über 10.000 Menschen vor Umsiedlung

Projektgegner hoffen auf Absage von Spatenstich.
Nachdem der Bau des Ilisu-Staudamms 2002 nach internationalen Protesten zu den Akten gelegt wurde, soll das Megaprojekt nun doch in die Realität umgesetzt werden.

Bereits am Samstag will der türkische Premier Recep Tayyip Erdogan den ersten Spatenstich für das seit Jahren für Kontroversen sorgende Staudammprojekt tätigen.

Gegner hoffen weiter auf Absage
Dennoch geben sich die Gegner des umstrittenen Projekts noch nicht geschlagen.

Noch sei es nicht zu spät, um die Grundsteinlegung abzusagen, erklärte etwa Caglayan Ayhan, die Sprecherin eines Aktionsbündnisses gegen den Ilisu-Damm in der Mittwoch-Ausgabe der Zeitung "BirGün".

"Falsche Hoffnungen gemacht"
Neben der fragwürdigen Wirtschaftlichkeit des Ilisu-Kraftwerks fürchten die Staudammgegner auch, dass jahrzehntelange politische und Infrastruktur-Versäumnisse in den kurdischen Provinzen prolongiert würden.

Das Projekt hätte neben Zwangsumsiedlungen und -enteignungen auch zur Folge, dass mit der antiken Stadt Hasankeyf wertvolles Kulturgut in den Fluten des künftigen Stausees versinken würde.

"Den Menschen in Südostanatolien werden falsche Hoffnungen gemacht", erklärte etwa der Bürgermeister der Provinzhauptstadt Batman, Hüseyin Kalkan. Die versprochenen Arbeitsplätze würden nur wenigen zugute kommen. Zudem wurden bereits Zweifel hinsichtlich der Entschädigungsversprechen geäußert.

VA-Tech federführend
Anders sieht das die VA Tech Hydro, die mit der Konsortiumsleitung betraut und somit federführend in dem 1,2 Milliarden schweren Projekt ist.

Demnach würde das Kraftwerk dringend benötigten Strom in die Region um die Millionenstadt Diyarbakir bringen. Zudem würden um das Kraftwerk neue Arbeitsplätze entstehen und die verarmte Region im Südosten der Türkei würde aufgewertet werden.

"Bis zu 7.000 Arbeitskräfte nötig"
Allein für die Errichtung des Staudamms seien laut VA Tech Hydro bis zu 7.000 Arbeitskräfte nötig.

Weiters würden die umliegenden Unternehmer durch die direkten und indirekten Wertschöpfungsketten profitieren, so Konzernsprecher Alexander Schwab. Damit könnten umgerechnet 200.000 bis 300.000 Menschen ernährt werden.

Kaum Platz und Arbeit
Türkische Lokalpolitiker und NGOs befürchten unterdessen, dass mit dem Staudamm die Existenzgrundlage von rund 55.000 Bewohnern der Region bedroht sei.

Mehr als 10.000 Menschen stehen unmittelbar vor der Zwangsumsiedlung. Viele würde es dabei - wie bereits beim Bau des Atatürk-Staudamms und anderen Dämmen - nach Diyarbakir ziehen, fürchtet die Bürgermeisterin des Bezirks Baglar, Yurdusev Özsökmenler.

Für weitere Menschen würde es in der Stadt, deren Einwohnerzahl in den letzten Jahren von 250.000 auf weit über eine Million stieg, weder Platz noch Arbeit geben, so Özsökmenler.

Machtinstrument Wasser
Die Nähe des geplanten Staudamms zur Grenze mit Syrien und dem Irak bringt aber auch politische Probleme mit sich. Davor warnen auch die internationalen NGOs, die seit Jahren gegen das Megaprojekt mobil machen.

Die Türkei könnte den Damm als Machtinstrument im Kampf um das Wasser benutzen, das in dieser Region knapp und begehrt ist.

Die Nachbarstaaten Syrien und Irak haben bisher zu wenig Informationen von der türkischen Regierung bekommen, kritisiert die Völkerrechtlerin Christina Binder von der Universität Wien. Sie weist darauf hin, dass es auch noch kein Abkommen zwischen den Nachbarstaaten gibt.

Österreichs Finanzministerium prüft
Eine nicht unwichtige Rolle in der Umsetzung des Projekts liegt auch beim österreichischen Finanzministerium, das noch über eine staatliche finanzielle Garantie zu entscheiden hat.

Zurzeit wird von Seiten des Finanzministeriums geprüft, ob die international strengen Auflagen im ökologischen, sozialen und menschenrechtlichen Bereich erfüllt werden.

1.820 Meter lange Staumauer
Mit dem Ilisu-Damm soll der Tigris im Südosten der Türkei aufgestaut werden. Die Staumauer soll 1.820 Meter lang und bis 135 Meter hoch sein. Geplant ist für das Kraftwerk eine Leistung von 1.200 Megawatt, das Kraftwerk Wien Freudenau beispielsweise hat 172 Megawatt.

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