"Zweiter Unabhängigkeitskrieg"

Israel muss gewinnen, um Abschreckung aufrecht zu erhalten.
Fast drei Wochen dauert nun schon der Krieg zwischen Israel und der Hisbollah - ein Waffenstillstand ist noch nicht in Sicht, geschweige denn eine Lösung des blutigen Konflikts an der israelisch-libanesischen Grenze.

Offene Debatte über "gerechten" Krieg
In Israel setzte gleichzeitig mit Beginn der Kampfhandlungen eine Debatte darüber ein, ob dieser Krieg "gerecht" ist oder eine vollkommen überzogene Reaktion auf die Entführung zweier Soldaten.

Nicht nur eine breite Mehrheit der Bevölkerung - viele plädierten in einer Umfrage noch Mitte der zweiten Kriegswoche für ein härteres Vorgehen der Armee - sondern auch das Gros von Militärstrategen, Wissenschaftlern und Intellektuellen unterstützt diesen Krieg gegen die radikalislamische Schiitenmiliz im Südlibanon.

Von Amos Oz über David Grossman bis hin zu A.B. Yehoschua stellte sich etwa die gesamte Riege der prominenten Schriftsteller, die sich seit Jahrzehnten in der Friedensbewegung engagieren, grundsätzlich hinter die Regierung Olmert.

Anderer Blick als Europa
Anders als in Europa, wo vor allem die nominelle militärische Übermacht Israels gesehen wird, hat für die meisten Israelis die Auseinandersetzung mit der Hisbollah eine völlig neue Qualität.

In zahlreichen Kommentaren in israelischen Tageszeitungen wird die Ansicht vertreten, dass es in diesem Krieg um die Existenz Israels geht.

Angst vor Atommacht Iran
Das Szenario ist aus israelischer Warte tatsächlich höchst bedrohlich: Direkt an der Grenze des jüdischen Staates haben Syrien und vor allem der Iran eine Guerillatruppe aufgerüstet.

In wenigen Jahren wird das Mullah-Regime in Teheran, sofern es nicht doch noch daran gehindert wird, eine Atommacht sein und damit Israel, aber auch Europa bedrohen.

Niederlage nicht leistbar
Anders als viele Europäer nimmt Israel die Drohungen des iranischen Präsidenten Ahmadinedschad ernst. Israel kann sich daher eine Niederlage gegen den "iranischen Ableger" Hisbollah nicht leisten. Alles andere als ein Sieg wäre für Israel fatal, ist auch einer der prominentesten Militärjournalisten Israels, Zeev Schif überzeugt.

Das würde nicht nur bedeuten, dass die Hisbollah Israel weiter bedrohen kann, mehr noch: die Abschreckung gegenüber den arabischen Staaten - der Ruf Israels als unbesiegbare, technisch weiter überlegene Armee - würde zusammenbrechen. Neue Konflikte, etwa mit Syrien wären die Folge, so die Befürchtung.

Kein Wunder also, dass manche in Israel den Krieg gegen die Hisbollah als den "gerechtesten" bezeichnen, den Israel jemals führte und bereits vom "zweiten Unabhängigkeitskrieg" sprechen.

Nur wenige kritische Stimmen
Kritische Stimmen sind - noch - deutlich in der Minderheit. Sie verweisen vor allem auf die zahlreichen zivilen Opfer und empören sich darüber, dass der ganze Libanon für die Hisbollah in Geiselhaft genommen werde. Gewarnt wird vor den Folgen für Israles Gesellschaft durch den "Verfall moralischer Standards".

Guido Tiefenthaler, ORF.at

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