Dann schaffte es die Hip-Hop-Soul-Band Gnarls Barkley allein durch den Verkauf ihrer Single "Crazy" im Internet an die Spitze der britischen Charts - und hielt sich dort neun Wochen.
Jetzt bekommt das Duo Konkurrenz: Die schottische Singer-Songwriterin Sandi Thom ist mit "I Wish I Was A Punk Rocker (With Flowers In My Hair)" löste "Crazy" von der Spitze ab. Auch sie verweist auf eine rührende Vom-Tellerwäscher-zum-Millionär-Karriere via Web - doch daran kommen jetzt zunehmend Zweifel auf.
Live aus dem Keller
Bis vor wenigen Monaten hatte Thom kein Geld, keinen Erfolg, kein Publikum bei ihren Auftritten, und dann wurde auch noch ihr Auto kaputt. Da kam sie auf die Idee, mit einer Webcam 21 Konzertabende aus ihrer Londoner Kellerwohnung ins Internet zu übertragen.
Der dreiwöchige Konzertmarathon wurde zum Kult, Thom gewann Hunderttausende Fans, und am Ende wartete ein Plattendeal über eine Million Pfund mit dem zum Sony-BMG-Konzern gehörenden Label RCA Records.
Alles nur ein PR-Gag?
So lautet die offizielle Version, mit der die Plattenfirma groß Werbung macht. "Die Sängerin, die mit dem Webcast aus ihrem Keller die Welt eroberte" heißt es auf Plakaten, die derzeit in ganz Großbritannien affichiert sind.
Doch im Internet macht auch eine andere Variante der Erfolgsgeschichte die Runde. Es handle sich um einen inszenierten PR-Gag, heißt es in Diskussionsforen und Blogs. Auch Beweise für den Werbetrick, den manche schon mit der Playback-Affäre um Milli Vanilli vergleichen, sind aufgetaucht.
Interesse erst nach Medienberichten
Schon lange vor den Kellerkonzerten habe Thom einen Vertrag mit einem angesehenen Musikverleger gehabt, heißt es. Ihr Manager Ian Brown habe in der Vergangenheit schon mehrmals Künstler mit ähnlichen erfundenen Erfolgsgeschichten betreut.
Und vor allem habe sich für die Übertragungen der Kellerkonzerte in Wahrheit kaum jemand interessiert; erst als die PR-Agentur Quite Great Berichte darüber in Medien lancierte, habe der Verkehr auf Thoms Website zugenommen.
Wie man Mundpropaganda macht
Nach wochenlangen Spekulationen bestätigte die Agentur jetzt im britischen "Guardian" ihre Beteiligung. "Man kann sich nicht nur auf gute Musik verlassen", erklärte Quite-Great-Managerin Louise Harris der Zeitung; man brauche die Mundpropaganda der Fans - und die könne man gezielt ankurbeln.
Quite Great macht das unter anderem, indem Scharen an freiwilligen Mitarbeitern "zufällig" neue CDs auf Kaffeehaustischen vergessen, über die die nächsten Gäste dann reden.
"Unheilige Allianz"
Im Fall von Thom sei das alles kein großes Mysterium. "Wir wollten sie nur in eine Position bringen, von der sie die überregionalen Medien 'abholen' konnten", so Harris.
Manager Brown beharrte im "Guardian" darauf, dass Sandi Thom die Idee zur 21-teiligen Konzertübertragung selbst gehabt habe; er gab aber zu, dass die Geschichte durch eine "unheilige Allianz aus Medien, der Künstlerin und dem Plattenlabel" künstlich aufgebläht worden sei.
Die neue Raffinesse der Industrie
Ganz normale Werbung also, kein großer "Rock-'n'-Roll-Schwindel". Von den üblichen Internet-Erfolgsgeschichten - unbekannte Künstler ohne Plattenvertrag umgehen via Web die etablierten Industriestrukturen - sei der Fall Thom meilenweit entfernt, analysiert der "Guardian".
"Die Major Labels haben ihre frühere Panik wegen Internet-Piraterie abgelegt und legen heute bei der Bewerbung neuer Künstler eine Raffinesse an den Tag, die die Fähigkeit der Medien, einen PR-Trick zu erkennen, längst überholt hat."
"Spaßiger Text und Killer-Melodie"
Thoms Musik entziehe sich den Debatten ohnehin, meinen die meisten britischen Kritiker. Die "Times" urteilte über die Single "I Wish I Was A Punk Rocker", sie sei ein "vorgetäuschter Protestsong mit spaßigem Text und einer Killer-Melodie, der (Thoms) wahres Potenzial aufzeigt."
Dass Thom bei ihren Konzerten derzeit auch gerne "Crazy" von Gnarls Barkley covert, ist nur passend: Schließlich wurde auch dieser Song durch geschickt eingesetzte Synergien von "alten" und "neuen" Medien groß - mehr dazu in "Mit Downloads zum Charts-Erfolg".
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