Was ist bloß mit Jochen los?

Das neue Blumfeld-Album "Verbotene Früchte" polarisiert.

  Wenn Blumfeld ein neues Album herausbringen, gehen die Wogen ohnehin schon hoch im deutschen Musikfeuilleton. Wenn Jochen Distelmeyer, polarisierender Kopf der einst als "Diskursrocker" bezeichneten Hamburger Popband, über Flora und Fauna, Apfelbäume und Schmetterlinge singt, kennt die Aufregung keine Grenzen.

Die Natur ist das vorherrschende Thema des jetzt erscheinenden neuen Blumfeld-Albums "Verbotene Früchte". Kupferstiche der Naturforscherin Anna Maria Sibylla Merian (1647 - 1717) zieren die CD. In den Songs geht es um Schnee, die stürmische See, Katzen, Raben und Nachtigallen.

Was wir ohne Tiere wären

"Tiere um uns, die großen und kleinen, nicht nur im Fernsehen, Zirkus und Zoo, Tiere um uns, was wär'n wir ohne sie?" dichtet Distelmeyer.

Audio: "Tiere um uns"

Und alle fragen sich: Ist das Ironie? Die totale Verweigerung als Reaktion auf die aktuellen Ausprägungen der Deutschpop-Welle in Gestalt von Bands wie Tokio Hotel und Silbermond? Die gezielte Reduktion von Popmusik auf ihre Substanz? Oder doch bloß banale Feststellungen, die in einem Songtext gefälligst nichts zu suchen haben?

Comeback der Schlager-Debatte

Die Diskussion darüber, wie viel Schlager erlaubt sei für ein Urgestein der deutschen Polit-Rockszene, ist ja eigentlich schon seit Jahren vorbei.

Weil er öffentlich seine Bewunderung für die Texte der Münchner Freiheit bekundete, sorgte Distelmeyer bereits 1999 für endlose Debatten in den gehobenen Popkultur-Gazetten.

Blumfeld-Fans im Wechselbad

Zwei Jahre später, mit der politisch aufgeladenen "Diktatur der Angepassten", waren die Skeptiker wieder versöhnt - nur um dann 2003 erneut vor den Kopf gestoßen zu werden.

"Die Sonne lacht und ich fühle mich frei, den Fluss entlang und an den Häusern vorbei geht mein Blick, und ich sehe, wie Schwalben zum Horizont fliegen": Diese ersten Zeilen der Platte "Jenseits von Eden" hat Distelmeyer auf "Verbotene Früchte" nun auf Albumlänge ausgebreitet.

Da geht es in "Der Apfelmann" etwa um den Alltag eines Obstbauern, der am Samstag "zum Wochenmarkt in unsere Stadt" fährt. Eine ganze Strophe mit Namen von Apfelsorten zu füllen, von Idared bis Geheimrat Oldenburg, das ist tatsächlich gewagt.

Audio: "Der Apfelmann"

"Jochen Biedermeier"

"Gestern, heute, morgen/Hoffnungen und Sorgen/Wechselspiel der Formen im April": Dass Verse wie diese auf Argwohn und Ablehnung stoßen würden, war zu erwarten.

In der deutschsprachigen Blog-Welt (Randalaise.de) wird der Blumfeld-Sänger zu "Jochen Biedermeier". Und der "Spiegel" ätzt, die Band schmore "im Saft der eigenen Nabelschau".

Spießer-Debatte

Für das Magazin ist Distelmeyer heute ein "naturverbundener Bänkelsänger", der "keinen Schritt mehr aus dem kleinen engen Vorgarten heraus" wagt: "Hier hat ein Gewohnheitslinker erkannt, dass er im Grunde seines Herzens Spießer ist, und propagiert die Liebe zur Natur zugleich als Eskapismus und schöngeistigen Luxus, den sich nur der saturierte Bürger leisten kann."

"Peinlich berührt"

Der "Tagesspiegel" sieht in der Hamburger Band inzwischen eine "versponnene Wandervogel-Truppe". Für Distelmeyer, laut "Tagesspiegel" noch nie ein Mann von dieser Welt, "mag die Entdeckung der Natur (...) eine Sensation darstellen. Uns irdische Zyniker berührt sie peinlich."

Die "Zeit" hingegen stellt fest, die stärkste Kritik an den Texten komme "komischerweise besonders laut aus der feingeistigen Abteilung von Blättern, deren Politik- und Wirtschaftsressorts genau das repräsentieren, was Bands wie Blumfeld seit 15 Jahren bekämpfen".

Blumfeld und die "Neospießer"

Die linke Berliner "taz" widmet dem neuen Album gar zwei Kommentare, einen pro, einen kontra.

In der "taz" wird seit Wochen eine Debatte über die "Neue Bürgerlichkeit" geführt - hier zu Lande gern auch als das Bobo-Phänomen bezeichnet -, über spätes Erwachsenwerden, Selbstverwirklichung, Entpolitisierung und "Neospießer" - Fragen also, die man anhand der Entwicklung von Blumfeld besonders gut verhandeln kann.

Assoziationsklimbim

Was Distelmeyer in "Strobohobo", dem dritten Song des Albums, macht, gehört mit Sicherheit zu einem der Höhepunkte der gesamten Blumfeld-Diskografie: eine sechsminütige, dadaistische Wort-Orgie, musikalisch wenig mehr außer einer Strophe und einem Refrain, in der sich der Sänger lautmalerisch quer durch die Popkultur assoziiert.

Audio: "Strobohobo"

Van Gogh und TV-Maler Bob Ross tauchen da innerhalb weniger Atemzüge ebenso auf wie Yoko Ono und Kino-Detektiv Mr. Moto. Und endlich, kurz bevor Distelmeyer schreit "I wanna boogie with you", kommen auch die Polit-Fans auf ihre Kosten: "Tok Tok Tok, die Bombe kommt/und sorgt für Diskussionen/die Trottel wissen nicht wohin/mit ihren Aggressionen".

Räucherstäbchenalarm

Bei all den Diskussionen über Naturpoesie und Inhaltsleere kommt die Musik oft zu kurz. Gerade da können Blumfeld durchaus punkten.

Natürlich lehnt sich Distelmeyer auch in dieser Beziehung weit zum Fenster hinaus. Das Flügelhorn darf ein Solo spielen, und im psychedelischen "Schmetterlings Gang" erklingt eine Sitar - wo doch das indische Saiteninstrument spätestens seit den Beatles höchst verpönt ist.

Luftiger Pop

Vor allem bestechen die 13 Songs aber durch einfache Formen, eingängige Pop-Melodien und luftige Arrangements mit Folk-Anleihen und viel Akustikgitarre.

"Verbotene Früchte" wird so zum Feel-Good-Album dieses Frühlings. Dass es ausgerechnet vom ach so ernsten Distelmeyer-Quartett kommt, ist für eingefleischte Fans wohl ebenso verwunderlich wie für Blumfeld-Novizen.

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