Sympathien für den Dieb

Die Staatsanwaltschaft will von einer spontanen Aktion in Bierlaune vorerst nichts wissen.

  Er ist unbescholten, lebt laut Polizei "in höchst geordneten Verhältnissen" und ist seit Samstag als der Mann bekannt, der das Kunsthistorische Museum (KHM) Wien und die Exekutive über zweieinhalb Jahre in Atem hielt.

Der 50-jährige Wiener Robert M. entspricht so gar nicht dem Bild eines eiskalten Meisterdiebs, das nach dem Verschwinden der "Saliera" gezeichnet wurde.

Kleiner Panzerknacker

In der Auslage seines eigenen Geschäfts in Wien-Neubau hat der Alarmanlagen-Errichter einen kleinen Panzerknacker aus Stoff postiert. Und genau dieser scheint zum Symbol für den Umgang mit dem Mann zu werden: So richtig böse will ihm anscheinend keiner sein.

Dementsprechend freundlich reagierte auch die Presse: Der "Kurier" beschreibt M. als "feinsinnigen, kultivierten Kunst-Fan", vom Titelblatt der "Krone" lächelt er selbstbewusst und ganz und gar nicht kamerascheu und "heute" vertraute er an, dass er zum ersten Mal wieder gut schlafen konnte.

Image des "Gentleman-Gauners"

Dass M. vorerst durchaus Sympathien in der Öffentlichkeit genießt, glaubt auch OGM-Chef Wolfgang Bachmayer: "Der Verdächtige hat jetzt einmal das Image eines 'Gentleman-Gauners'." Die bisherige Darstellung des Diebstahls und des Verdächtigen erzeugt ein Art "Robin-Hood- oder Räuber-und-Gendarm-Romantik", so Bachmayer - mehr dazu in oesterreich.ORF.at.

Anwalt gibt Linie vor

Aus einer Bierlaune heraus habe er sich zur Tat entschlossen, war von Seiten der Polizei zu hören. Genau diese Linie gab auch Gerald Albrecht, der Rechtanwalt von M., vor. Er habe "niemandem etwas angetan", "immer seine Hemmschwelle gewahrt", überhaupt ging es ihm nur ums "Spielen".

Und schließlich habe er die Ermittler auch in den Wald bei Zwettl geführt, wo er die "Saliera" vergraben hatte. "Ohne ihn wäre es nicht gegangen", die "Saliera" wäre verloren, strich der Anwalt die Kooperationsbereitschaft seines Mandanten hervor.

Alle im Glück vereint?

Albrecht betonte von Anfang an wie M. selbst auch in Interviews, wie erleichtert er nun sei. So scheint die Causa "Saliera" für alle Beteiligten ein glückliches Ende gefunden zu haben.

KHM-Direktor Wilfried Seipel strahlte, als er am Sonntag vor Fotografen den als Köder umfunktionierten Dreizack wieder in die Skulptur stecken durfte. Die Ministerinnen Elisabeth Gehrer und Liese Prokop (beide ÖVP) zeigten sich sichtlich erfreut, "Sally" (Prokop) wieder in sicheren Händen zu sehen.

Staatsanwalt glaubt an längere Planung

Ein wenig anders sieht den Fall die Staatsanwaltschaft: Sie brachte ihre Anträge auf Einleitung der gerichtlichen Voruntersuchung wegen schweren Einbruchsdiebstahls und versuchter schwerer Erpressung ein.

Im Unterschied zu den ermittelnden Beamten, die den Verdächtigen als "keinen klassischen Einbrecher" beschrieben, ist man bei der Anklagebehörde überzeugt, dass M. den spektakulären Coup nicht von heute auf morgen durchgezogen hat.

"Der Entschluss kann spontan gewesen sein. Aber ein Tatplan muss seit längerem existiert haben", meinte Pressesprecher Ernst Kloyber.

Doch nicht straffrei?

Noch im Verlauf des Tages dürfte über den mutmaßlichen Täter die U-Haft verhängt werden.

Und so könnte die Staatsanwaltschaft den Spekulationen und wohl auch der Strategie des Diebes und seines Rechtsanwalts, M. könnte wegen tätiger Reue völlig straffrei ausgehen, einen Strich durch die Rechnung machen.

"Tätige Reue ist gerade in diesem Fall ein ausgemachter Blödsinn. Er hätte fast 1.000 Tage Zeit gehabt, die 'Saliera' zurückzugeben. Er hätte sie nur in eine Schachtel geben, hinter ein Gebüsch legen und die Polizei anrufen müssen."

Keine "Gaunerkomödie"

Berichte, der Tatverdächtige habe primär die fehlenden Sicherheitsvorkehrungen im Kunsthistorischen Museum aufzeigen und sich nicht persönlich bereichern wollen, bezeichnete Kloyber als "hirnrissig".

Das rege öffentliche Interesse an dem spektakulären, drehbuchreifen Fall sei nachvollziehbar. "Gaunerkomödien wie 'Topkapi' haben ja auch das Kinopublikum unterhalten. Und doch haben alle in dem Film nicht aus reinem Spaß an der Freud', sondern in Bereicherungsabsicht gehandelt", gab Kloyber zu bedenken.

"Besoffene Geschichte glaubt ihm keiner"

Und auch der Leiter der Kriminalpolizeilichen Abteilung, Ernst Geiger, ist mittlerweile offenbar anderer Auffassung als noch am Samstag: "Die besoffene Geschichte glaubt ihm keiner, auch wir nicht. Das ist seine Verantwortung", so Geiger am Montag.

Der Verdächtige sei ein Kunstkenner: "Er kennt sich mit Skulpturen aus, hat Antiquitäten gesammelt und genau gewusst, was er da wegnimmt."

Anwalt: Keine Wiederholungsgefahr

Anwalt Albrecht hingegen kündigte einen Enthaftungsantrag an, weil es nicht notwendig sei, den geständigen M. weiter im Gefängnis zu behalten: "Es gibt nichts mehr aufzuklären."

Das Geschehen nach dem nächtlichen Einbruchsdiebstahl bezeichnete der Anwalt als "straflose Verwertungshandlung". Ob eine Erpressung - wie von der Staatsanwaltschaft angenommen - gegeben sei, müsse nun geprüft werden. Der Fluchtgefahr ließe sich mit dem Festsetzen einer Kaution begegnen, meinte Albrecht. Und die Haftgründe Tatbegehungs- bzw. Wiederholungsgefahr seien auszuschließen: Noch einmal werde sein Mandant die "Saliera" nicht stehlen.

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